Der frühere HSV-Profi und -Trainer Thomas Doll leidet nach dem Abstieg mit seinem Ex-Klub, vor allem aber auch mit den Legenden des Vereins, die noch immer mit dem Herzen dabei sind. „Wenn ich sehe, wie Uwe Seeler da mit Tränen in den Augen steht nach dem Spiel, dann leide ich mit, dann bewegt mich das sehr. Ich hoffe und wünsche mir, dass der HSV schnell wieder hochkommt“, sagte Doll bei „sky90“.

Das bisher Unvorstellbare ist Realität, der eigentlich unabsteigbare HSV muss erstmals seit Gründung der Bundesliga im Sommer 1963 in die Zweite Liga. Wie konnte es dazu kommen? Die Horrorsaison der Hamburger im Zeitraffer:

18. August 2017: Die Saison hat noch gar nicht richtig begonnen, da sorgt Investor Klaus-Michael Kühne schon für ordentlich Wirbel an der Elbe. „Der HSV ist ein Phänomen, weil die Luschen immer hier hängen bleiben“, sagt Kühne. Ein gutes Beispiel sei Angreifer Pierre-Michel „Lasogga, ich weiß gar nicht, ob ich an ihm beteiligt war: Musste der nach einer halben guten Saison mit einem Fünfjahresvertrag und einem Jahresgehalt von über drei Millionen Euro ausgestattet werden? Das war Harakiri, der Flop des Jahrhunderts.“ Lasogga wird wenig später nach Leeds ausgeliehen.

19. August 2017: Erster Spieltag – und der HSV gewinnt 1:0 gegen Augsburg. Angreifer Nicolai Müller reißt beim Torjubel das Kreuzband.

25. August 2017: Der HSV gewinnt auch das zweite Spiel der Saison in Köln (3:1) und ist für eine Nacht Tabellenführer. Die Fans träumen von einer ruhigeren Saison als in den vergangenen Jahren. Es folgen allerdings acht Partien ohne Sieg, nach dem zehnten Spieltag steht der HSV auf dem Relegationsrang.

28. Oktober 2017: Beim 1:2 des HSV bei Hertha BSC schießt Jann-Fiete Arp im Alter von 17 Jahren, neun Monaten und 22 Tagen sein erstes Bundesliga-Tor. Der Youngster aus dem eigenen Nachwuchs geht als siebtjüngster Torschütze in die Geschichte der Bundesliga ein.

4. November 2017: Die Hamburger können doch noch gewinnen. Das 3:1 gegen den VfB Stuttgart sorgt für kollektives Durchatmen an der Elbe, Arp trifft erneut und wird bereits „Uns Fiete“ gerufen.

21. November 2017: Der HSV veröffentlicht den Jahresabschlussbericht für das Geschäftsjahr 2016/17. Das Minus beträgt 13,4 Millionen Euro. Die Verbindlichkeiten belaufen sich auf 105,5 Millionen Euro.

26. November 2017: Der HSV schlägt Hoffenheim 3:0 und hofft auf Ruhe – doch der Sieg sollte der letzte für sehr, sehr lange Zeit gewesen sein.

15. Dezember 2017: Nach dem 1:3 gegen Mönchengladbach feiert der HSV Weihnachten als Vorletzter der Tabelle, Trainer Markus Gisdol darf aber erst einmal weitermachen.

20. Dezember 2017: Heribert Bruchhagen, der ein Jahr zuvor Dietmar Beiersdorfer als Vorstandsboss abgelöst hatte, verlängert seinen Vertrag bis 2019.

1. Januar 2018: Das neue Jahr beginnt in Hamburg gleich mit neuem Ärger. Mittelfeldspieler Walace streikt und verlängert seinen Urlaub eigenmächtig, der Brasilianer reist verspätet ins Trainingslager nach.

14. Januar 2018: Der ehemalige Klubchef Bernd Hoffmann bestätigt seine Kandidatur für die Wahl zum Präsidenten des Hamburger SV e.V.

21. Januar 2018: Nach dem Fehlstart in die Rückrunde mit zwei weiteren Pleiten trennt sich der HSV von Gisdol.

22. Januar 2018: Bernd Hollerbach, ehemaliger Linksverteidiger und Fanliebling in Hamburg, wird als Gisdols Nachfolger präsentiert.

31. Januar 2018: Nach einer mehrtägigen Posse einigen sich der HSV und die Würzburger Kickers über die Ablösemodalitäten für Hollerbach. Nach tagelangem Geschacher nimmt der Drittligist das „Entschädigungsangebot“ an, tritt aber auch noch einmal gegen die Hamburger nach.

2. Februar 2018: Ein „Putschversuch“ gegen Vorstandsboss Heribert Bruchhagen und Sportchef Jens Todt sorgt für weitere Unruhe. Es sickert durch, dass Aufsichtsratsmitglied Felix Goedhart per E-Mail erfolglos versucht habe, eine Mehrheit im Gremium für eine Ablösung der Funktionäre zu bekommen. Es halten sich Gerüchte, dass einflussreiche Kräfte rund um den HSV mit einer Rückkehr von Klub-Idol Felix Magath auf einen wichtigen Posten liebäugeln.

18. Februar 2018: Bernd Hoffmann wird zum neuen Präsidenten des Hamburger SV gewählt. Der Manager, der bereits von 2003 bis 2011 Vorstandsvorsitzender des Fußball-Bundesligisten war, erhält bei der Abstimmung des Gesamtvereins 25 Stimmen mehr als der bisherige Amtsinhaber Jens Meier. Hoffmann erhält dadurch automatisch einen Sitz im Aufsichtsrat der HSV Fußball AG.

24. Februar 2018: Der HSV verliert auch das Nordderby bei Werder Bremen, nach dem 0:1 spitzt sich die Krise weiter zu.

8. März 2018: Ein Tag, wie ihn auch der HSV lange nicht erlebt hat – Vorstandschef Heribert Bruchhagen und Sportdirektor Jens Todt müssen gehen, der bisherige Finanzvorstand Frank Wettstein übernimmt die operative Führung des Klubs, Bernd Hoffmann wird neuer Aufsichtsratschef. Felix Magath sieht „keine Möglichkeit“ für eine Rückkehr zum HSV.

10. März 2018: Bei Bayern München kassiert der HSV die nächste Klatsche – diesmal 0:6. Unbekannte stellen vor dem Stadion in Hamburg Grabkreuze und ein Drohplakat auf. „Eure Zeit ist abgelaufen! Wir kriegen euch alle“, ist auf dem Transparent am Trainingsplatz zu lesen. Daneben steht mindestens ein Dutzend schwarze Kreuze.

12. März 2018: Nach nur sieben Wochen trennt sich der HSV von Trainer Bernd Hollerbach, der bisherige U21-Coach Christian Titz übernimmt.

19. März 2018: Investor Kühne macht sich bei der Eröffnung seines neuen Luxushotels über den abgestürzten HSV lustig. „Noch vor einem Jahr hätte ich gesagt: Hamburg hat drei Perlen – die Elbphilharmonie, unser neues Hotel und den HSV. Jetzt hat es leider nur zwei Perlen.“

7. April 2018: Nach 132 Tagen gewinnt der HSV wieder ein Bundesliga-Spiel – 3:2 gegen Schalke 04.

14. April 2018: Der nächste Rückschlag, nach dem 0:2 bei 1899 Hoffenheim rückt der Abstieg immer näher. Mit nur 22 Punkten auf dem Konto spielt der HSV die schlechteste Saison der Vereinsgeschichte – selbst als es früher für einen Sieg nur zwei Zähler gab, hatte man zu diesem Zeitpunkt sonst mindestens 25 Punkte auf dem Konto.

28. April 2018: Trotz der weiter prekären Lage herrscht plötzlich wieder Euphorie an der Elbe. Beim Konkurrenten VfL Wolfsburg gewinnt der HSV mit 3:1 und feiert den dritten Sieg aus den vergangenen vier Spielen. Die Wölfe haben nur noch zwei Punkte Vorsprung auf die Hanseaten.

12. Mai 2018: Nach 54 Jahren und 261 Tagen hat es auch das letzte der 16 Bundesliga-Gründungsmitglieder erwischt. Durch das 2:1 gegen Borussia Mönchengladbach und das gleichzeitige 4:1 des VfL Wolfsburg gegen den 1. FC Köln ist am letzten Spieltag auch die letzte Hoffnung auf die Rettung zerstoben.

Aaron Hunt war nach der Amtsübernahme von Christian Titz ein wichtiger Faktor für den Aufschwung, so etwas wie ein Assistent des Trainers auf dem Platz. Doch der Vertrag des 31-Jährigen läuft aus, er könnte den HSV ablösefrei verlassen. Klar ist, dass Titz ihn gern halten würde. Und nach MOPO-Informationen hat Hunt auch bereits seine Bereitschaft signalisiert, mit dem Klub in die Zweite Liga zu gehen. Den Ausschlag für eine Verlängerung soll auch nicht das Geld, sondern das Festhalten am eingeschlagenen Weg geben. Anfang der Woche sind erste Gespräche geplant.

Der Abstieg hat für den HSV auch etwas Gutes. Es darf nach Toren wieder spontan gejubelt werden, denn der Videobeweis kommt im Fußball-Unterhaus auch in der kommenden Saison noch nicht zum Einsatz. Analog zur Bundesliga-Serie 2016/17 wird er nur „offline“ getestet, also ohne Auswirkungen auf den Spielbetrieb. Dies beschlossen die anwesenden Klubs Ende März bei einer Gegenstimme und einer Enthaltung mehrheitlich. Ab wann die Technik freigeschaltet und ebenso wie in der Bundesliga verwendet wird, ist noch offen. Über den „Online“-Einsatz ab 2019/20 entscheiden die Zweitligisten zu einem späteren Zeitpunkt. Die Kosten während der Testphase werden von der DFL getragen.

Viele frühere Protagonisten meldeten sich in den vergangenen Stunden zu Wort, teilten ihre Trauer über den Absturz des HSV in die Zweitklassigkeit mit. Den ehemaligen Hamburger Trainer Huub Stevens lässt das Geschehen dagegen kalt. Im „Doppelpass“ bei Sport1 knurrte der Niederländer: „Wenn man in einem Jahr drei Trainer verbraucht, steigt man zurecht ab. Die Probleme gibt es doch schon seit Jahren.“

Vier Siege, ein Remis, drei Niederlagen. So lautet die Bilanz von Trainer Christian Titz, unter dessen Regie der HSV also 13 Punkte einfuhr und in der Tabelle in diesem Zeitraum Platz sechs belegt. Nur der FC Bayern (18), Hoffenheim, Schalke und Stuttgart (alle 17) holten mehr Punkte, RB Leipzig ebenfalls 13 Zähler. Mit Titz holte der HSV 1,625 Punkte im Schnitt pro Partie. Hochgerechnet auf 34 Saisonspiele würde das 55 Zähler bedeuten. Damit landeten Hoffenheim, Dortmund und Leverkusen auf den Plätzen drei bis fünf.

16 Vereine starteten 1963 in die erste Bundesliga-Saison. So lange wie der HSV hat sich keiner im Oberhaus gehalten, nach 55 Jahren oder 19.985 Tagen oder 1866 Spielen endete diese Ära gestern mit dem 2:1 gegen Gladbach. Erstmals sind die Hamburger zweitklassig. Doch was wurde aus den anderen 15 Klubs der ersten Stunde?
1. FC Köln: Der erste Bundesliga-Meister hielt sich bis 1998 ohne Unterbrechung in Liga eins. Dann reihten sich Ab- und Aufstiege aneinander. In dieser Saison geht es wieder runter – als Schlusslicht noch hinter dem HSV.
Meidericher SV: So gut wie in der Premieren-Saison war der erste Vizemeister nie wieder. 1982 ereilte den Revierklub, der seit 1967 MSV Duisburg heißt, der erste Abstieg. Als Aufsteiger wurde dieses Jahr der Klassenverbleib in Liga zwei geschafft.
Eintracht Frankfurt: Die launische Diva feierte ihre größten Erfolge in den 1970er und 1980er Jahren. Tragisch war der verspielte Titel 1992. Der erste Abstieg folgte 1996. In dieser Saison war sogar mehr drin als Platz acht. Noch gibt es die Chance auf den Pokalsieg gegen die Bayern.
Borussia Dortmund: Der BVB spielte nach dem Abstieg 1972 vier Jahre unterklassig. Dramatisch war die Rettung in der Relegation 1986 gegen Fortuna Köln. Nach der Beinahe-Pleite 2005 folgten wieder Titel-Zeiten. Dieses Jahr reichte es nur zu Platz vier.
VfB Stuttgart: Die Schwaben stiegen 1975 ab und 1977 wieder auf. Drei Meisterschaften folgten 1984, 1992 und 2007. Doch 2016 erwischte es den VfB nach 39 Jahren in der ersten Liga wieder. Diesmal als Aufsteiger noch auf Platz sieben gestürmt.
TSV 1860 München: Die „Löwen“ feierten 1966 die Meisterschaft in der jungen Eliteliga. Ansonsten ist ihre Historie von Abstürzen bis in die Bayernliga, finanziellem Chaos und Führungsschwäche geprägt. Im Playoff geht’s nun um den Aufstieg in die Dritte Liga.
FC Schalke 04: Die Vier-Minuten-Meisterschaft der Schalker im Mai 2001 gehört zum Tragischsten, was die Liga-Historie zu bieten hat. Tränen flossen auch beim ersten Bundesliga-Abstieg 1981. In diesem Jahr der Beste des Rests hinter dem FC Bayern.
1. FC Nürnberg: Von den neun Meisterschaften fiel nur eine in die Bundesligazeit: 1968. Ein Jahr später stiegen die Franken ab – bis heute einmalig in der Bundesliga-Geschichte. Rekordhalter ist der FCN mit acht Erstliga-Abstiegen und nun auch acht Aufstiegen.
Werder Bremen: Die Hanseaten sind bis auf den Abstiegs-Ausrutscher 1980 ein Muster an Beständigkeit. Trainer Otto Rehhagel etablierte den Meister von 1965 nach der schnellen Rückkehr in der Liga-Spitze. Die Zeiten als Dauergast in der Champions League sind allerdings vorbei.
Eintracht Braunschweig: Der Meister von 1967 verschwand 1985 für 28 Jahre aus der Bundesliga. Dem Aufstieg 2013 folgte ein nur einjähriges Intermezzo in der ersten Liga. Diesmal wird in Liga zwei bis zum Schluss gezittert.
1. FC Kaiserslautern: Die Pfälzer gewannen als Aufsteiger 1998 sensationell den Titel. Zwei Jahre zuvor war der FCK nach 33 Jahren abgestiegen. Nun stürzt der finanziell angeschlagene Klub in die Dritte Liga ab.
Karlsruher SC: Die Badener hielten sich zunächst nur fünf Jahre in der Bundesliga. Eine Phase als Fahrstuhlmannschaft folgten. Eine erfolgreiche Ära erlebte der KSC von 1986 bis 1998 mit Trainer Winfried Schäfer. Im Playoff soll die Rückkehr in Liga zwei gelingen.
Hertha BSC: Nur zwei Jahre nach der Bundesliga-Gründung mussten die Berliner wegen unerlaubt hoher Gehälter und Handgelder zwangsabsteigen. Insgesamt musste der Hauptstadtklub sechsmal hinunter und fehlte somit 20 Jahre im deutschen Oberhaus. In diesem Jahr Liga-Mittelmaß.
Preußen Münster: Schon nach einem Jahr stieg der erste HSV-Gegner in der Bundesliga ab und kam nie wieder zurück. Selbst in die Viertklassigkeit ging es hinunter. Derzeit sind die Westfalen Mittelmaß in der Dritten Liga.
1. FC Saarbrücken: Die Saarländer stiegen in der Premieren-Saison als Letzter ab. Der Verein hielt sich fünf Spielzeiten in der ersten Liga auf – letztmalig 1992/1993. Als Südwest-Champion in der Regionalliga geht es im Playoff um den Aufstieg in die Dritte Liga.