Es war ein Theater, das fast schon in Vergessenheit geraten ist. Als der HSV Bernd Hollerbach verplichtet hatte, stand dieser noch bei den Würzburger Kickers unter Vertrag. Nach langem Hin und Her vereinbarten die beiden Vereine ein Ablösespiel für den 48-Jährigen. Zu diesem Kick wird es vereinbarungsgemäß nicht kommen, da Hollerbach schon wieder Geschichte ist. Die Einnahmen aus dem Spiel sollten für soziale Einrichtungen im Großraum Würzburg und auf St. Pauli verwendet werden. Letzteren Teil will der HSV nach Informationen der „Bild“ trotz des ausgefallenen Spiels übernehmen.

Christian Ziege, Europameister von 1996, hat in der TV-Talksendung „Sky 90“ den Trainerwechsel von Bernd Hollerbach zu Christian Titz als „sehr sinnvoll“ bezeichnet. Titz habe seine Fähigkeiten beim HSV bereits nachgewiesen. „Er hat in der U21 super Arbeit geleistet“, sagte Ziege. „Er kennt alle. Sie kennen ihn alle. Er hat keine großen Anpassungsschwierigkeiten.“ Der 46-Jährige, der zuletzt in Thailand als Trainer tätig war, gab allerdings zu bedenken: „Wenn du dann natürlich so Leute hast wie Papadopoulos, ist es natürlich schon eine andere Nummer, als wenn du nur junge Spieler hast. Aber er hat eine Idee vom Fußball, er kennt den HSV. Wenn du was machst, dann nimmst du jemanden, der sich auskennt und holst nicht noch jemanden von außen.“ HSV-Legende Uli Stein, der kurz zuvor Titz ebenfalls noch gelobt hatte, aber widersprach Ziege. „Man macht das Gleiche, was man schon mit Joe Zinnbauer gemacht hat“, erinnerte der Europapokalsieger von 1983 an das missglückte Experiment aus der Saison 2014/2015.  „Da hat man die gleichen Argumente gebracht. Der kennt den Verein, der arbeitet erfolgreich. Der hat beim HSV auch nichts gebracht. Der war nicht lange da. Jetzt macht man das Gleiche wieder und genauso erfolglos. Das ist jetzt schon zum Scheitern verurteilt. Ich verstehe die Entscheidung nicht, muss ich ganz ehrlich sagen. Das ist ein Alibi nach außen, um die Leute zu beruhigen, aber es bringt nichts.“ Er hätte an Hollerbach festgehalten, bekräftigte Stein.

Er war der letzte Sportdirektor des HSV, den Bernd Hoffmann in seiner Funktions als Vorstands-Boss verpflichtet hatte. Von 2011 bis 2013 arbeitete Frank Arnesen für den HSV. Die aktuelle Situation bereitet dem Dänen große Sorgen. „Hollerbach war ein Risiko. Aber auch Titz vom U21-Coach zum Cheftrainer zu machen, ist in meinen Augen ein großes Risiko“, sagt der 61-Jährige im Interview mit SPORT1. „Hollerbachs Außendarstellung wirkte zuletzt unglücklich. Ich denke, dass er den HSV zu 100 Prozent im Herzen trägt, sonst hätte er diese schwierige Aufgabe erst gar nicht angenommen. Hollerbach hat bestimmt sein Bestes probiert. Nun muss Titz wieder bei null beginnen. Die Fans werden ihn positiv aufnehmen, weil er aus dem Verein kommt. Er wird ganz zarte Aufbruchsstimmung entfachen. Ich habe Respekt vor Titz, sich das anzutun.“

Der Absturz des Vereins habe ihn „nicht wirklich geschockt, weil es schon seit Jahren immer schwieriger wurde“. Dennoch habe er vor zwei Monaten „noch gedacht, dass der Abstieg kein Thema ist, weil ich den Kader für sehr stark hielt. Aber dann kam ein neuer Trainer, und die Wende zum Guten ist leider nicht gelungen. Die Mannschaft lebt nicht. Es wird sehr schwer. Ich habe kaum noch Hoffnung“. Die Trennungen von Heribert Bruchhagen und Sportchef Jens Todt bezeichnet Arnesen als „nur logisch, weil zwei neue Leute die nötige Zeit brauchen, um einen guten Plan für die neue Saison zu entwickeln“.

Am vergangen Sonnabend, als der HSV 0:6 bei den Bayern verlor, kamen bei Arnesen auch dunkle Erinnerungen an eigene Auftritte in München wieder hoch. „Das 2:9 werde ich nie vergessen. Das ist bis heute das schlimmste Ergebnis in meinem Fußballer-Leben. Und am vergangenen Samstag war der HSV gar nicht auf dem Platz. Das hatte nichts mit Erster Liga zu tun.“ Die These, ein Abstieg würde dem Verein guttun, hält Arnesen, der inzwischen im Aufsichtsrat der PSV Eindhoven sitzt für „Schwachsinn. In einem Klub arbeiten so viele Menschen, und ein Abstieg wäre auch für sie tragisch. Ein Abstieg ist nie gut für einen Verein. Es muss wieder der Trainer ausgetauscht werden, es gibt eine fast neue Mannschaft, ein neuer Sportvorstand muss her. Dieses Kommen und Gehen ist einfach schlimm“. Am Niedergang des HSV trage vor allem das Gremium die Schuld, das ihn im Mai 2013 vor die Tür gesetzt hatte: der Aufsichtsrat. „Die Vereinsspitze muss ruhig arbeiten und Ahnung vom Fußball haben“, sagt Arnesen. „Doch beides war beim HSV lange nicht mehr der Fall. Im Aufsichtsrat saßen in der Vergangenheit nur Selbstdarsteller. Es gab keine Philosophie über einige Jahre hinweg.“

Auch zum Aufstellen der Grabkreuze äußert er sich: „Ich bin schockiert. So etwas darf niemals passieren. Wenn jetzt Gewalt angedroht wird, geht das eindeutig zu weit. Da ist so noch nie da gewesen. Was muss der junge Jann-Fiete Arp denken? Das sind keine Fans, das sind Hooligans, also Schwachköpfe. Wenn jetzt die Spieler oder die Verantwortlichen des HSV Angst haben müssen, aus dem Haus zu gehen, dann macht das alles keinen Sinn mehr. Gerade für junge Spieler ist das ganz schlimm.“ Es sei zwar keine geeignete Maßnahme, deswegen nun auf Arp zu verzichten, „aber Titz muss wissen, dass er anfälliger ist für Fehler. Arp ist jung und muss solche Bilder jetzt verarbeiten. Schlimm. Er weiß, dass er keinen Fehler machen darf. Normalerweise soll doch so ein Junge raus auf den Platz und einfach ein Spiel genießen, dann spielt er auch befreiter. Doch mit Drohungen der Fans kann ein Profi gar nichts mehr genießen. Da wächst Angst bei Arp. Es wurde sowieso schon viel zu viel erwartet“.

Der richtige Trainer für einen Neuanfang in der Zweiten Liga wäre Pep Guardiola, wie Arnesen scherzt: „Nur er kann den HSV wieder flott machen. Nur leider kommt er nicht. Hoffmann muss zusammen mit den Leuten im Aufsichtsrat den richtigen Mann finden. Vielleicht bleibt auch Titz, wenn er das Wunder Klassenerhalt schafft. Man muss wissen, was man will – langfristig etwas aufbauen oder so schnell wie möglich wieder zurück in die Bundesliga.“

Nach sieben Wochen ist am Montag die Zeit von Bernd Hollerbach als Trainer des HSV zu Ende gegangen. Der 48-Jährige wird nun zurück in seine Heimat Würzburg ziehen. Eine Verabschiedung von der Mannschaft fiel übrigens aus. Vorstand Frank Wettstein soll Hollerbach nach Informationen der „BILD“ davon überzeugt haben, dass es besser wäre, wenn er darauf verzichte. Übrigens: Als der HSV den Trainerwechsel am Montag auch über die sozialen Netzwerke verkündet hatte, drückten einige Spieler auf den „Gefällt mir“-Button.

War es ein Fehler, beim HSV als Trainer anzuheuern? Der nach nur sieben Wochen gefeuerte Bernd Hollerbach beantwortet diese Frage mit gemischten Gefühlen. „Ich habe aus alter Verbundenheit zugesagt, dem Verein in einer schwierigen Lage zu helfen. Rückblickend war das für mich – wenn man es rational betrachtet – vielleicht nicht die beste Entscheidung. Emotional würde ich es aber immer wieder so machen“, sagte der 48-Jährige der „Bild“. Über seinen Rauswurf erklärte er: „Ich habe immer gesagt: Aufgeben kommt für mich nicht in Frage. Daher finde ich es natürlich bedauerlich, dass der Verein jetzt entschieden hat, mir die Verantwortung für die Mannschaft zu entziehen.“ Hollerbach fügte hinzu: „Der HSV war immer etwas Besonderes für mich. Daran wird sich auch nichts ändern.“

Sein Verein ist der erste Prüfstein für den neuen HSV-Trainer Christian Titz. Am Sonnabend gastiert Hertha BSC im Volksparkstadion. Dass es beim HSV auf der Trainerposition zu einem Wechsel gekommen ist, hat Hertha-Manager Michael Preetz nicht überrascht. „Es hat sich ein bisschen angekündigt in den letzten Tagen. Heribert Bruchhagen und Jens Todt sind freigestellt worden. Jetzt ist es noch mal der Versuch, mit Nachwuchstrainer Christian Titz die letzten Kraftreserven zu mobilisieren, um die Rettung noch zu schaffen. Die zweite Liga ist ein wahnsinniger Kraftakt! Eine Neustrukturierung idealerweise bei Klassenerhalt wäre also die bessere Lösung. Wenn man diese Neuausrichtung dann angehen will, sind diese Schritte sicherlich nachvollziehbar“, sagte Preetz bei „100 % Bundesliga – Fußball bei NITRO“.

Einen Cheftrainer nach 49 Tagen zu entlassen, das ist selbst für den HSV Rekord. Interimstrainer ausgenommen, gab es in der fast 55-jährigen Bundesliga-Geschichte der Hamburger noch nie eine derart kurze Amtszeit. Bernd Hollerbach löst damit Rudi Gutendorf, der 1977 nach 118 Tagen und 16 Spielen gehen musste, ab. „Der HSV, das war die schlimmste Station meines Trainer-Lebens“, sagte Weltenbummler Gutendorf, der einen Machtkampf mit den damaligen Stars um Felix Magath verloren hatte, später. Auch Josip Skoblar, der 1987 nach 131 Tagen zum Opfer seines Torwarts Mladen Pralija geworden war, hielt sich keine vier Monate als HSV-Trainer. Bert van Marwijk wurde 2014 nach 143 Tagen entlassen, Joe Zinnbauer hielt sich 187 Tage als Cheftrainer, Michael Oenning musste 2011 nach 190 Tagen gehen. Oenning kommt auf die zweitwenigsten Spiele als HSV-Trainer (15) und den zweitschlechtesten Schnitt (0,8 Punkte pro Spiel). In beiden Rubriken stellte Hollerbach (sieben Spiele, 0,43 Punkte pro Spiel) neue Negativrekorde auf. Die HSV-Trainer mit der längsten Amtszeit sind die Legenden Ernst Happel und Günter Mahlmann. Beide waren jeweils 2190 Tage HSV-Trainer.

Christian Titz ist der 23. Trainer beim HSV in den vergangenen 21 Jahren. 17 reguläre Fußball-Lehrer und sechs Interimstrainer haben sich seit 1997 am Liga-Dino versucht. Eine Übersicht:
Frank Pagelsdorf 01.07.1997 – 17.09.2001
Holger Hieronymus 18.09.2001 – 03.10.2001
Kurt Jara 04.10.2001 – 22.10.2003
Klaus Toppmöller 23.10.2003 – 17.10.2004
Thomas Doll 19.10.2004 – 31.01.2007
Huub Stevens 02.02.2007 – 30.06.2008
Martin Jol 01.07.2008 – 26.05.2009
Bruno Labbadia 01.07.2009 – 26.04.2010
Ricardo Moniz 26.04.2010 – 30.06.2010
Armin Veh 01.07.2010 – 13.03.2011
Michael Oenning 13.03.2011 – 19.09.2011
Rodolfo Cardoso 20.09.2011 – 10.10.2011
Frank Arnesen 10.10.2011 – 16.10.2011
Thorsten Fink 17.10.2011 – 16.09.2013
Rodolfo Cardoso 17.09.2013 – 24.09.2013
Bert van Marwijk 25.09.2013 – 15.02.2014
Mirko Slomka 16.02.2014 – 15.09.2014
Josef Zinnbauer 16.09.2014 – 22.03.2015
Peter Knäbel 23.03.2015 – 15.04.2015
Bruno Labbadia 15.04.2015 – 25.09.2016
Markus Gisdol 26.09.2016 – 21.01.2018
Bernd Hollerbach 22.01.2018 – 12.03.2018
Christian Titz 12.03.2018 –

Ganze 49 Tage hat sich Bernd Hollerbach als HSV-Trainer im Amt gehalten. In die Vereinsgeschichte wird er eingehen als Cheftrainer mit dem schlechtesten Punkteschnitt in der fast 55-jährigen Bundesliga-Geschichte. Aus sieben Spielen holte der 48-Jährige drei Punkte – das entspricht einem Schnitt von 0,43 Zählern pro Partie. Der gebürtige Franke löst damit Michael Oenning in den „Flop-Charts“ ab. Oenning kam 2011 auf 0,8 Punkte pro Spiel. Die drittschlechteste Punkteausbeute hat Bert van Marwijk (0,88) zu bieten, gefolgt von Mirko Slomka (0,89), Joe Zinnbauer (1,00) und Egon Coordes (1,05). Auf dem siebtschlechtesten Platz rangiert Markus Gisdol (1,12 Punkte pro Spiel), Bruno Labbadia kam in seiner zweiten Amtszeit auf 1,2 Zähler. Auf den Plätzen neun und zehn von unten stehen mit Özcan Arkoc (1,21) und Kurt Koch (1,22) zwei Trainer, die in den 1970er bzw. 60er Jahren das Zepter schwangen. Nicht aufgenommen in diese „Flop-Liste“ haben wir die beiden Interimstrainer Peter Knäbel (zwei Spiele, null Punkte) und Holger Hieronymus (zwei Spiele, ein Punkt). Bester HSV-Trainer nach Punkten ist übrigens der legendäre Branko Zebec, der zwischen 1978 und 1980 in 100 Spielen 209 Punkte holte.