Im Aufsichtsrat und auch im Vorstand selbst haben Boss Heribert Bruchhagen und Sportchef Jens Todt mit Vorbehalten zu kämpfen. Doch immerhin schützen sie sich gegenseitig. Nachdem Todt mit dem Vorwurf konfrontiert ist, den Kader trotz der prekären sportlichen Lage im Winter nicht verstärkt zu haben, springt ihm Bruchhagen zur Seite. „Todt hat ver­schie­dens­te Mo­del­le aus­ver­han­delt. Die um­zu­set­zen war aus wirt­schaft­li­chen Grün­den nicht mög­lich“, stellte er in der „Bild“ klar. Hintergrund: Der Aufsichtsrat soll den Auftrag erteilt haben, den Etat nicht weiter zu belasten.

Die nächste Aufgabe im Abstiegskampf steht zwar erst Sonnabend in Dortmund bevor, doch heute geht es im Volkspark um die Zukunft des HSV. Im Stadion treffen sich Vorstand und Aufsichtsrat der Fußball AG, die Anteilseigner um Klaus-Michael Kühne sowie das Vereins-Präsidium zur Elefanten-Runde. Heribert Bruchhagen und Frank Wettstein berichten über die sportliche und wirtschaftliche Lage, zudem wird das Kontrollgremium in Teilen neu besetzt. Mit Karl Gernandt, Bernd Bönte und Dieter Becken scheiden drei Räte aus, für sie sollen Michael Krall, Max-Arnold Köttgen und Marcell Jansen nachrücken. Weiteres heißes Thema: Die Mail-Affäre um Felix Goedhart, der dem Gremium ebenso wie Andreas Peters und Jens Meier weiter angehören soll, wird aufgearbeitet. Er hatte dafür geworben, Bruchhagen sowie Sportchef Jens Todt abzulösen und von einem Telefongespräch mit Finanz-Vorstand Frank Wettstein berichtet, der die Arbeit seiner Mitstreiter darin stark kritisiert hatte.

Teile des Aufsichtsrats wollten Vorstands-Boss Heribert Bruchhagen und Sportchef Jens Todt von ihre Ämtern entheben. Dieser Versuch wurde öffentlich gemacht, was Aufsichtsrats-Boss Andreas Peters noch wütender macht als unterschiedliche Meinungen zur Arbeit an der HSV-Spitze. Vor dem Nordderby gegen Hannover 96 sagte er: „Aufsichtsrat und Vorstand sind sich einig, dass unser maximaler Fokus aktuell auf den Spielen der Fußball-Bundesliga liegen muss. Zu den außersportlichen Themen daher nur so viel: Bei der öffentlichen Diskussion über das Verhalten einzelner Aufsichtsratsmitglieder sollte nicht in den Hintergrund treten, dass Kern des Übels zumindest nicht das gremieninterne Aufwerfen von Fragen ist. Was dem HSV und der notwendigerweise vertraulichen Zusammenarbeit im Aufsichtsrat vor allem schadet, ist die Herausgabe von Interna an Dritte. Wer diese Einsicht nicht hat, gehört nicht in den Aufsichtsrat.“

Trotz der prekären sportlichen Lage bestimmten Ränkespiele in der Führung die Themenlage vor dem Nordderby heute gegen Hannover. Teile des Aufsichtsrats wollten Vorstand Heribert Bruchhagen und Sportchef Jens Todt entmachten, der Vorgang wurde öffentlich und störte massiv die Vorbereitung auf das Spiel. Doch Trainer Bernd Hollerbach bemühte sich, das Theater in den Gremien vom Team fernzuhalten: „Ich will meine Energie damit verbrauchen, alles ins Sportliche reinzusetzen. Wir wollen uns aufs Wesentliche konzentrieren, ein gutes Spiel machen und drei Punkte in Hamburg behalten. Was Drumherum passiert, ist nicht unser Thema. Es ist nun einmal so, dass es in der Bundesliga Unruhe gibt, wenn die sportliche Situation nicht zufriedenstellend ist. Ich habe mich immer auf das konzentriert, was ich beeinflussen kann. Damals als Spieler und jetzt als Trainer.“

Nach dem gescheiterten Putschversuch von Teilen des HSV-Aufsichtsrats gibt es nun auch eine Reaktion von Heribert Bruchhagen. Der HSV-Boss: „Es ist doch normal, dass sich angesichts unserer prekären sportlichen Situation im Aufsichtsrat eine Diskussion entwickelt, die über die Position des Trainers hinausgeht. Diese Diskussion hat offensichtlich stattgefunden, mit dem bekannten Ergebnis. Weiteres gibt es nicht zu sagen. Unser Fokus liegt vollständig auf dem wichtigen Spiel gegen Hannover 96.“

Der HSV versetzt sich und seine Fans ja schon seit Jahren in Angst und Schrecken. Sportlich tanzt der Liga-Dino dauerhaft auf der Rasierklinge. Wirtschaftlich pfeift der Traditionsklub auf dem letzten Loch, zumal sich Investor Klaus-Michael Kühne weigert, das nächste Rettungspaket zu schnüren. Und jetzt, wo der neue Trainer Bernd Hollerbach all seine Hoffnung darauf baut, dass man im ganzen Verein vom Vorstand über die Mannschaft bis hin zum Platzwart die Reihen schließt und als Einheit auftritt, fliegt an der Spitze alles auseinander. Weil bekannt wurde, dass sich Aufsichtsräte dafür stark machten, den HSV-Vorsitzenden Heribert Bruchhagen und Sportchef Jens Todt zu stürzen, ist die Stimmung vergiftet. Die ohnehin schon wackelige Führung wurde weiter geschwächt. Wer soll sie noch ernst nehmen? Mal ehrlich: So schlimm wie jetzt war es noch nie um den HSV bestellt!

Matthias Linnenbrügger