Christian Titz hätte der HSV schon befördern können, nachdem der HSV am 21. Januar Markus Gisdol entlassen hatte. „Ich kannte Herrn Titz, war aber nicht in einem ständigen Austausch mit ihm“, sagte Heribert Bruchhagen im TV-Talk „Sky 90“. Man habe sich schließlich für die Lösung Bernd Hollerbach entschieden. Aus einem einfachen Grund, wie der Ex-Boss erklärte: „Gisdol hatte ein bisschen die Emotion, die Begeisterungsfähigkeit gefehlt.“ Letztlich habe es dann „viele Kleinigkeiten gegeben, die dazu geführt haben, dass Bernd keinen Erfolg hatte“. Es sei aber zu einfach, den Niedergang an Hollerbach oder Ex-Sportchef Jens Todt festzumachen. „Wir haben in der Gesamtkonstellation alle dazu beigetragen.“

Bis Ende dieses Jahres läuft der Vertrag des beurlaubten Sportchefs Jens Todt beim HSV noch. Am Dienstag aber schließt sich das Kapitel Hamburg zu einem weiteren Teil für den 48-Jährigen. Das „Hamburger Abendblatt „berichtet, dass Todt morgen seinen Dienstwagen, sein Handy und sein Dienst-Tablet auf der Geschäftsstelle zurückgeben will. Seine Wohnung in Hamburg wolle er hingegen noch mindestens bis zum Sommer behalten. Er habe dort seit Kurzem übrigens einen neuen Nachbarn: St. Paulis Trainer Markus Kauczinski. Beide sind seit ihrer gemeinsamen Zeit in Karlsruhe miteinander befreundet.

Die Entlassung von Sportchef Jens Todt kam wenig überraschend – auch für ihn selbst. Schon wenige Tage nach seiner Wahl zum HSV-Präsidenten hatte Bernd Hoffmann den 48-Jährigen in seinem Büro aufgesucht und ihm mitgeteilt, dass spätestens im Sommer für ihn Schluss sei. Das berichtet das „Hamburger Abendblatt“. Am 8. März, also noch vor Frühlingsanfang, wurde der Schritt vollzogen. Todt bekräftigte aber seine Aussage, die er bereits in der MOPO getätigt hatte, dass er weiter mit dem HSV mitfiebere. „Ich wünsche Christian Titz, dass er das Wunder noch schafft.“ Dessen Debüt habe er mit der ganzen Familie angeschaut. „Wir haben das Spiel im Fernsehen gesehen und mit der Mannschaft gezittert. Und in der ersten Halbzeit sah es ja auch wirklich gut gegen Hertha aus.“

Zwei Wochen nach seiner Beurlaubung als Sportchef des HSV hat sich Jens Todt nun auch im „Hamburger Abendblatt“ geäußert und erklärt, dass er „überhaupt nicht erleichtert“ sei: „Ich war enttäuscht, weil wir es nicht geschafft haben, den HSV in dieser Saison sportlich zu stabilisieren. Das hat mich sehr geärgert. Und es ärgert mich noch immer.“ Die Trennung, von der er telefonisch durch Vorstand Frank Wettstein infomiert worden war, sei „sehr sauber gelaufen“, sagt Todt: „Schön ist so eine Beurlaubung aber natürlich nicht – aber das gilt sicher für alle Beteiligten.“

Sportchef Jens Todt und Vorstands-Boss Heribert Bruchhagen hatten den Kader des HSV bekanntlich in der Winterpause nicht verstärkt. Eine verhängnisvolle Fehlentscheidung aus Sicht von Torwart-Legende Uli Stein, der im TV-Talk „Sky 90″ kritiserte: „Ich fand es grob fahrlässig, dass man nicht im Bereich seiner Möglichkeiten nachgelegt hat. Auf dem Markt wären genug Leute gewesen, die für den HSV in Frage gekommen wären und den HSV verstärkt hätten. Davon bin ich überzeugt. Die Konsequenz, dass man das nicht getan hat, sieht man jetzt. Einfach sehenden Auges ins Verderben zu stürzen, da fehlen einem die Worte. Man kann es gar nicht mehr erklären, wie man so schlecht arbeiten und wirtschaften kann, wie es der HSV in den vergangenen Jahren getan hat.“ Es sei aber letztlich nur die Fortsetzung der Fehler der Vergangenheit gewesen, führte Stein aus. „Die Leute, die das zu verantworten haben, sind jetzt nicht mehr da. Wer beim HSV in den letzten Jahren alles was zu sagen hatte“, schüttelte der frühere Nationaltorhüter den Kopf, „das waren Leute, die vom Fußball überhaupt keine Ahnung haben, das war fürchterlich, was da abgelaufen ist: in sportlicher Hinsicht, bei der Kaderverstärkung, bei der Außendarstellung. Das ist ein trauriges Bild. Der HSV ist der größte Witzverein der Nation. Über keinen Verein werden so viele Witze gerissen wie über den HSV. Das hat sich der HSV auch alles erarbeitet – im negativen Sinn.“

Bernd Hoffmann hat im „Sportclub“ des NDR-Fernsehens noch einmal erläutert, warum es zu den Entlassungen von Vorstands-Boss Heribert Bruchhagen und Sportchef Jens Todt gekommen ist. „Das ist eine Entscheidung gewesen, die sich nach vorne richtet – für die Neuaufstellung des HSV, und zwar ligaunabhängig“, sagte der Aufsichtsratsvorsitzende und betonte: „Es gibt kein Vakuum, wir haben uns einfach schon so aufgestellt, dass wir nach vorne schauen. Und dann werden wir jetzt die richtigen Personalentscheidungen fällen – die richtigen, nicht die schnellsten, denn die schnellstmöglichen sind nicht zwangsläufig die besten. Das haben wir leider beim HSV in den vergangenen Jahren häufig genug erlebt.“ Die These, dass die Kritik von Kyriakos Papadopoulos auch damit zu tun haben könne, dass der Grieche im sportlichen Bereich neben Trainer Christian Titz keinen Ansprechpartner habe, wies Hoffmann zurück: „Wenn Herr Papadopoulos so einen Unsinn erzählt, dann hat das nichts damit zu tun, dass er keinen Ansprechpartner hat, sondern dass er einfach Unsinn erzählt. Das werden sie nicht dadurch verhindern, dass sie einen Sportchef haben.“ Abschließend hielt der 55-Jährige fest: „Wir müssen uns darum kümmern, dass wir einen richtig guten Sportverantwortlichen für die kommende Saison finden und den werden wir schnellstmöglich, aber völlig ohne Hast einstellen.“

Mirko Slomka, vom 17. Februar bis 15. September 2014 für 19 Spiele HSV-Trainer (Punkteschnitt 0,89), hat sich im „Kicker-TV-Talk“ mitfühlend mit Bernd Hollerbach gezeigt. „Für den Trainer ist das eine unglaublich schwierige Situation“, sagte Slomka, der die Unruhe rund um den Verein als großes Problem ausgemacht hat. „Für einen Trainer ist das eine komische Situation, wenn deine beiden wichtigsten Ansprechpartner entlassen werden und in jeder Zeitung steht, dass du eigentlich auch bald weg bist. Darunter leidet die Motivation.“ Er habe zudem „nicht das Gefühl, dass es innerhalb der Stadt einen großen Zusammenschluss nach dem Motto, wir müssen dem HSV helfen, gibt“.

 

Markus Babbel, der von 1992 bis 1994 60-mal für den HSV spielte, sieht die Entlassungen von Vorstands-Boss Heribert Bruchhagen und Sportchef Jens Todt auch als Zeichen, dass der Aufsichtsrat nicht mehr an das „Wunder“ Klassenerhalt glaube. „Sie haben sich mental darauf eingestellt, dass es höchstwahrscheinlich in die 2. Liga gehen wird“, sagte Babbel im „Kicker.TV-Talk“. Der Grund für den Niedergang liege in der psychischen Instabilität der Profis. „Die Mannschaft kann unter diesem Druck, der in Hamburg herrscht, zusammenbrechen“, erklärte der Europameister von 1996. „Du brauchst die Qualität, um dieser mentalen Belastung standzuhalten. Damit sind zu viele Spieler beim HSV überfordert.“

Eurosport-Experte Matthias Sammer hat sich zum Kahlschlag beim HSV geäußert. „Es ist eine absolut außergewöhnliche Situation in Hamburg“, sagte er und äußerte Verständnis für die Entlassungen von Vorstands-Boss Heribert Bruchhagen und Sportchef Jens Todt: „Außergewöhnliche Situationen erfordern auch manchmal außergewöhnliche Maßnahmen. Man muss Entscheidungen treffen, um möglichst kurzfristig Impulse setzen zu können. Gleichzeitig muss man strategisch aufbauen, dass der Verein wieder in ruhiges Fahrwasser gerät. Die Kommunikation muss in wenigen vertrauensvollen Händen bleiben. One-Man-Shows sind vorbei, aber es muss in wenigen Händen bleiben.“

Sie verstehen sich seit ihrer gemeinsamen Karlsruher Zeit blendend: St. Pauli-Trainer Markus Kauczinski und Ex-HSV-Sportchef Jens Todt. Treffen in Hamburg wird es nach Todts Entlassung nun aber vorerst nicht mehr geben. „Das war nicht wirklich eine Überraschung für mich“, sagte Kauczinski. „Jeder hat die Zeichen erkannt, wusste, dass es irgendwann so kommen wird. Diesmal hat es ihn getroffen, beim nächsten Mal ist es ein anderer. In dem Geschäft kommt es leider unausweichlich zu solchen Momenten.“