Trainer Christian Titz äußerte sich im „Sportclub“ des NDR-Fernsehens auch zur Zukunft der 50+1-Regelung. „Das Thema 50+1 wird zurzeit sehr intensiv diskutiert. Die ersten Beschlüsse sind ja jetzt nichts Endgültiges. Es wird in den nächsten Wochen und Monaten Ideen geben, wie man versuchen kann, die Regelung zu modifizieren“, meinte er. „Für den HSV kann ich sagen: Mit Klaus-Michael Kühne hat der Verein Glück gehabt, dass es jemanden gibt, dem der Verein so sehr am Herzen liegt, dass er ihn mit Herzblut und finanziellen Mitteln unterstützt. Das ist für den HSV sehr von Vorteil.“

Es wird wohl darauf hinauslaufen, dass der HSV eine Bürgschaft von Klaus-Michael Kühne braucht, um die Lizenz für die 2. Liga zu erhalten. Schon 2014 war dies der Fall. Der Milliardär erklärte sich in einem Schreiben an die Deutsche Fußball Liga (DFL) bereit, im Abstiegsfall eine Bürgschaft über zehn Millionen Euro zu garantieren. Der DFL aber habe das nach einem Bericht des „Abendblatt“ nicht ausgereicht. Die Fußball-Regelhüter hätten demnach eine Bankbürgschaft des Investors eingefordert, was Kühne „ziemlich erzürnt“ haben soll, wie es heißt. Der Konflikt habe sich bis zum heutigen Tag nicht entspannt. Damals war es zu einer sportlichen Lösung gekommen. Der HSV hatte sich vor Ablauf der Frist durch die Relegationsspiele gegen Greuther Fürth gerettet, benötigte also keine Zweitlia-Lizenz. Kühnes Hausbank musste nicht einspringen. Ob sich der 80-Jährige in diesem Jahr dazu bereiterklärt, eine Bankbürgschaft zu hinterlegen, ist völlig offen.

Ewald Lienen, Technischer Direktor des FC St. Pauli, hat angeprangert, dass der Spielerberater Volker Struth angeblich als Berater von Klaus-Michael Kühne Einfluss auf Entscheidungen des HSV genommen haben soll. „Für mich ist es ein No-Go, einen amtierenden Spielerberater am Tisch sitzen zu haben“, sagte er bei „Sky 90“. „Ich weiß einiges, was da abgelaufen ist, weil ich zu Bruno (Labbadia) ein gutes Verhältnis habe.“ Der HSV habe das Problem, dass man sich von Spielerberatern dazu habe treiben lassen, viel zu hohe Gehälter zu bezahlen. „Wenn ich in der Europa League oder der Champions League spiele, dann kann ich solche Gehälter bezahlen. Aber ich kann doch nicht sagen, nur weil ich der HSV bin gebe ich auch solche Gehälter raus.“ Kopfschüttelnd führte Lienen aus: „Als Dietmar Beiersdorfer zum HSV gekommen ist, habe ich ihn getroffen, da hat er mir gesagt, nächste Saison laufen zehn Verträge aus, das gibt mir einen Spielraum von 25 Millionen Euro.“ Das Geld habe man zudem nicht vernünftig ausgegeben. „Das ist ein Traditionsklub, das ist eine Großstadt, da sind mehr als 50.000 Zuschauer im Stadion“, führte Lienen aus. „Da muss ich doch auch ein paar Identifikationsfiguren haben, Leute haben, die wissen, was das für eine Stadt ist. Da kann ich nicht aus der ganzen Welt Leute zusammenholen. Und wenn ich das mache, dann müssen das Leute sein, die eine Persönlichkeit haben, Leute, die den Karren vorwegziehen. Wenn ich für so einen Verein Spieler hole, dann muss ich ein Gerüst haben, sodass sich junge Spieler entwickeln können. Aber dieses Gerüst, das ist nicht da.“

Mehr als 120 Millionen Euro hat der HSV seit 2014 für neue Spieler an Ablösesummen gezahlt, herausgesprungen ist ständiger Abstiegskampf, der in dieser Saison voraussichtlich nicht mehr positiv gestaltet werden kann. Torwart-Legende Uli Stein erklärte im TV-Talk „Sky 90“ hierzu: „Man hat die falschen Leute geholt. In der Personalpolitik und in der Kaderplanung hat man sehr viele Fehler gemacht und ganz schlecht gewirtschaftet. Ein Zeichen dafür, dass man ganz schlecht gearbeitet hat, ist, dass man jedes Jahr permanent auf Kühne zurückgreifen muss. Jedes Mal muss man sich am Saisonende an Kühne wenden, um die Lizenz zu bekommen und Löcher zu stopfen. Immer nur bei Kühne auf dem Schoß zu sitzen, das ist keine Kunst, das kann jeder. Man muss endlich mal anfangen, neue Sponsoren zu akquirieren, selber Geld aufzutreiben und sich nicht immer abhängig zu machen und darauf zu verlassen, dass Herr Kühne Bürgschaften übernimmt. Man muss endlich mal selbst die Dinge in die Hand nehmen und vernünftig wirtschaften. Das ist in den letzten Jahren beim HSV nicht der Fall gewesen.“ Dass sich Klaus-Michael Kühne als Investor immer wieder einbringt, ist aus Sicht von Christian Ziege nachvollziehbar. „Wenn du Geld gibst, ist es ja legitim, dass du bei den Entscheidungen mit dabei sein willst“, sagte der Europameister von 1996. Es müsse aber jemand installiert werden, „der die absolute Kompetenz im sportlichen Bereich hat“.

Bernd Hoffmann und Frank Wettstein werden nicht müde, es klipp und klar zu betonen. Die Lizenz sei sicher – für die 1. und die 2. Bundesliga. Ist dem aber wirklich so? Das Fachmagazin „Kicker“ gibt zu bedenken, dass der Tabellenletzte in seinem „Prognose-, Risiko- und Chancen-Bericht“ für die laufende Spielzeit mit 40 Punkten und Platz zwölf kalkuliert hat. Allein das lässt Ungemach erwarten: Denn statt des „bei planmäßigem Verlauf“ angepeilten „nahezu ausgeglichenen Ergebnisses nach Steuern“ droht den Hanseaten erneut ein sattes Minus. Zum Ende des vergangenen Spieljahres wurde ein Defizit von 13,4 Millionen Euro geschrieben, die Verbindlichkeiten waren auf 105,5 Millionen Euro gewachsen. Die miesen Zahlen werden durch die katastrophale sportliche Lage, in der es deutlich weniger TV-Geld als eingeplant gibt, nochmals verschärft. Obendrein erhalten noch zehn Funktionäre, Chef- und Co-Trainer Abfindungen, die allesamt in dieser Saison den Klub verlassen mussten. Klar ist: Ohne Klaus-Michael Kühne wird es für die chronisch klammen Hamburger eine dramatische Situation.

Der HSV-Aufsichtsratsvorsitzende Bernd Hoffmann und sein Stellvertreter Max-Arnold Köttgen haben sich nach Informationen der „Bild“ am Sonntag mit Klaus-Michael Kühne  in dessen neuem Hamburger Luxus-Hotel „The Fontenay“, das heute offiziell eröffnet worden ist, getroffen. Es dürfte dabei um mögliche Bürgschaften gegangen sein, die es dem HSV ermöglichen sollen, die Lizenz für die kommende Saison zu erhalten. „Es ist zwingend notwendig, dass man Herrn Kühne so schnell wie möglich und so häufig wie möglich mit ins Boot nimmt“, betonte Hoffmann im „Sportclub“ des NDR-Fernsehens. „Das heißt nicht, dass man sich irgendwelche Entscheidungen abnehmen lässt, aber es geht darum, Herrn Kühne mit im Boot zu haben. Daher pflege ich mit ihm einen häufigen und ausgesprochen guten Austausch.“

Frank Rost hatte am Montag in der Sendung „100 % Bundesliga“ bei NITRO den HSV scharf kritisiert. Die MOPO hat allerdings ein Zitat des Ex-Torhüters nicht korrekt wiedergegeben. Bei seiner Kritik an Reiner Calmund und Berater Volker Struth hatte Rost gesagt: „Struth und Calmund beraten Kühne. Beide behaupten, sie wollen Kühne nur beraten, damit sein Geld auch gut angelegt ist. Ich glaube persönlich doch eher, dass die Liebe dem Bankkonto von Herrn Kühne gilt und nicht dem HSV.“ Die MOPO hatte geschrieben, „dass die Liebe von Herrn Kühne dem Bankkonto gilt und nicht dem HSV“. Wir bedauern den Fehler und entschuldigen uns bei Frank Rost.

Ex-Nationalspieler Matthias Sammer sieht beim HSV ein Strukturproblem. „Dieser rote Faden beim HSV, wie der ganze Verein organisiert ist, erscheint mir das Hauptproblem zu sein“, sagte der Europameister von 1996 im Eurosport-Interview: „Alle Situationen, Positionen, Menschen und Gremien müssen im Sinne des HSV so organisiert sein, dass man handlungsfähig ist und mit der nötigen Qualität agieren kann – aber das ist seit über einem Jahrzehnt das Riesenproblem!“ Neben der Kompetenz sei fehlendes Vertrauen zwischen den Klubgremien ein weiterer Faktor des Misserfolgs. „Du kannst in Hamburg alle Vorschläge schon nachlesen, bevor sie überhaupt entschieden sind. Damit geht so viel kaputt“, sagte der Eurosport-Experte: „Die Folge sind Vertrauensverlust und Handlungsunfähigkeit.“ Das Engagement von Investor Klaus-Michael Kühne befürwortet Sammer, der 2011 vor einem Engagement bei den Hanseaten stand. Dies habe jedoch klar koordiniert und kommuniziert werden müssen – vor allem in puncto Handlungsfähigkeit und Vertrauensbasis, was ihm nie gegeben schien. Positives in einer ungeordneter Struktur werde zum Bumerang, sagte der 50-Jährige.

Frank Rost hat als Studio-Gast in der TV-Sendung „100 % Bundesliga“ bei NITRO mit seinem Ex-Verein abgerechnet. „Der HSV ist ein Selbstbedienungsladen geworden – für Berater, für Spieler, für viele Leute“, sagte der Ex-Torwart, der unter anderem auch Reiner Calmund, „den Mann aus den unsäglichen Kochshows“, an den Pranger stellte. Dass dieser als Sky-Experte die Lage des HSV analysiere, passt Rost überhaupt nicht. „Er berät Volker Struth, beide zusammen beraten Kühne.“ Calmund könne daher die Lage keinesfalls objektiv beurteilen. „Beide behaupten, sie wollen Kühne nur beraten, damit sein Geld auch gut angelegt ist. Ich glaube persönlich doch eher, dass die Liebe dem Bankkonto von Herrn Kühne gilt und nicht dem HSV“, sagte Rost, der auch den Präsidenten Bernd Hoffmann, schon zu aktiven Zeiten nicht gerade ein Freund des Torhüters, scharf attackierte. „Er sagt bei seiner Wahl, alle sollen weg, er wolle Heldt holen. Das ist doch eine Katastrophe. Er hat dem Verein einen Bärendienst erwiesen“, schimpfte Rost, der nach einem Jahr Pause am Sonnabend mal wieder im Volksparkstadion aufgetaucht war. „Ich war erschrocken über die Atmosphäre“, sagte er und zeigte Verständnis für die Fans. „Die Leute sind müde. Wenn du fünf, sechs Jahre immer hörst, es wird besser und dann passiert doch nichts, dann ist das so. Die Leute sind es leid.“ Er hoffe nun, dass der Aufsichtsratsvorsitzende Michael Krall einen Neustart einleiten kann. „Du musst etwas verändern. Du brauchst jetzt starke Leute im Vorstand. Herr Krall muss da ein Mediator sein. Ich denke, dass er diese Rolle ausfüllen kann.“ Unter Krall, so ließ Rost durchblicken, könne auch er sich vorstellen, einen Posten beim HSV zu übernehmen.