Luca Waldschmidt war ein Aktivposten beim 1:1 des HSV in Stuttgart. Er bereitete das 1:0 von Lewis Holtby vor, gab drei Torschüsse ab (die meisten aller Hamburger), gönnte sich aber auch seine Auszeiten. So hatte der 21-jährige Retter der Vorsaison nur 25 Ballkontakte, einzig VfB-Stürmer Mario Gomez (17 Ballkontakte) kommt von allen Spielern, die 90 Minuten auf dem Platz standen auf einen noch geringeren Wert. Auch die Pass- und Zweikampfquote von Waldschmidt fällt recht bescheiden aus. Zehn seiner 25 Pässe landeten beim Gegner, die Passquote lag damit bei 67 Prozent. Zudem konnte der Stürmer nur vier seiner 14 Zweikämpfe für sich entscheiden, das entspricht einer Quote von 28,6 Prozent.

Trainer Christian Titz hat im NDR-Sportclub dafür plädiert, den Glauben an den Klassenerhalt nicht aufzugeben. „Natürlich können wir die Tabelle lesen, und wir wissen, wie groß der Punkteabstand, der sich über das Wochenende ja leider nicht verringert hat, ist“, sagte er. „Aber die Mannschaft hängt sich voll rein, packt positive Sachen an, spielt gut mit dem Ball und erarbeitet sich Chancen“, erläuterte Titz. „Wir haben zuletzt gegen zwei Mannschaften gespielt, die zu den defensivstärksten Teams der Liga zählen. Wir sind in beiden Spielen in Führung gegangen und hätten durch Luca Waldschmidt das Spiel in Stuttgart auch für uns entscheiden können. Bundesliga-Fußball ist eine ganz enge Kiste, da entscheiden oftmals Kleinigkeiten und manchmal eben auch das Spielglück. Das war nicht auf unserer Seite. Aber die Mannschaft zeigt, dass sie lebt.“

Beim teaminternen Trainingsspiel um eine Runde Bowling wurde es irgendwann laut im Volkspark. Trainer Christian Titz äußerte deutlich vernehmbar seine Unzufriedenheit. Es ging an die Adresse von Luca Waldschmidt und Douglas Santos. Nach dem Training klärte der Coach auch: „Wir wollten ruhiger spielen. Sie hatten den Ball immer schnell nach vorne gespielt. Dadurch kamen wir in so ein Schlagspiel rein, das wir gar nicht wollten.  Wir wollten mehr Kontrolle in unser Spiel bekommen. Da die nicht neben einem stehen, muss man dann mal die Stimme anheben.“

Es ging heiß her auf dem Traininsplatz im Volkspark. Christian Titz ließ seine Akteure in einem Trainingsspiel mit Einsatz aufeinander los. „Die spielen eine Runde Bowling aus“, klärte der HSV-Trainer auf. „Die Verlierer müssen die Sieger zum Bowlen einladen. Es ist immer schöner, wenn es um etwas geht.“ Heute stieg das Hinspiel, das 2:1 endete. Bakery Jatta (1:0) und Luca Waldschmidt (2:1) erzielten die Tore für das Sieger-Team, Sven Schipplock hatte zum zwischenzeitlichen Ausgleich getroffen. Morgen beginnt um 11 Uhr das Rückspiel.

Sechs Stürmer hat der HSV in seinem Profi-Kader. Das klingt nach viel. Blöd nur, dass dabei denkbar wenig herausspringt. Wer aber wartet eigentlich seit wie vielen Minuten auf einen Treffer? Am besten sieht es noch bei André Hahn aus. 141 torlose Minuten stehen für den Ex-Gladbacher auf dem Konto. Bakery Jatta, meist als Rechtsaußen aufgeboten und zuletzt recht agil, aber eben auch ungefährlich, hat bei den Profis überhaupt noch nicht getroffen. 420 Bundesliga-Minuten kann er aufweisen. Luca Waldschmidt erzielte sein erstes und einziges HSV-Tor bekanntlich am 34. Spieltag der Vorsaison gegen Wolfsburg. Seither wartet der 21-Jährige auf ein Erfolgserlebnis. 428 Minuten hat er nicht getroffen. Bei Fiete Arp sind es 627 torlose Minuten. Dramatisch aber wird’s bei zwei anderen. Sven Schipplock steht zwar seit 2015 beim HSV als Stürmer unter Vertrag, hat aber noch kein einziges Tor erzielt. 1164 Minuten lang hatte er bisher die Gelegenheit dazu. Getoppt wird diese Horror-Zahl von Bobby Wood, der am 25. August 2017 in Köln half, den HSV an die Tabellenspitze zu schießen – in grauer Vorzeit. Seither stehen für ihn 1192 torlose Minuten zu Buche. Alle sechs Stürmer zusammen kommen damit auf 3972 Minuten ohne Tor.

Lobende Worte fand Bernd Hollerbach auf der Pressekonferenz für Bakery Jatta. „Der Einsatz, den er gezeigt hat, das war klasse. Er ist marschiert, hat sich reingehauen. Er ist ein guter Junge, der eine klasse Entwicklung durchgemacht hat“, sagte der Trainer. „Auch Luca Waldschmidt hat wieder einen Schritt nach vorne gemacht. Wir arbeiten daran, dass wir die jungen Spieler individuell besser machen. Sie sind gute Beispiele auch für andere Spieler, dass man sich über gute Leistungen im Training anbieten kann.“

Vor dem Mainz-Spiel hatte Luca Waldschmidt bei Bernd Hollerbach überhaupt keine Rolle gespielt. Der Retter der Vorsaison hatte es in vier von fünf Spielen nicht mal in den Kader geschafft, beim 1:1 gegen Hannover blieb ihm von der Bank die Rolle des Zuschauers. Gegen Mainz kam der 21-Jährige aber erstmals unter dem neuen Trainer zum Einsatz. Zur zweiten Halbzeit brachte Hollerbach Waldschmidt für Hunt und erhielt nun direkt ein Lob des Coaches: „Lucas fußballerische Qualitäten stehen völlig außer Frage. Ich habe ihm vor ein paar Wochen gesagt, dass er aggressiv gegen den Ball arbeiten muss, das hat er angenommen. Zuletzt im Training, jetzt auch im Spiel.“

Er ist einer der einflussreichsten Berater in der Bundesliga, vertritt mit seiner Agentur SportsTotal unter anderem Toni Kroos, Julian Weigl, Benedikt Höwedes und Lars Stindl. Volker Struth aber war in den vergangenen Wochen abgetaucht. Der Grund: ein Blinddarmdurchbruch, der ihn nach Angaben der „Bild“ in Lebensgefahr gebracht haben soll. Während des Weihnachts-Urlaubs auf den Malediven passierte es. Eine dreistündige Not-Operation soll dem 51-Jährigen das Leben gerettet haben. Zurück in Deutschland bildeten sich Abszesse. Struth musste zwei weitere Operationen über sich ergehen lassen. „Ich hoffe, in den nächsten Wochen wieder voll einsatzfähig zu sein“, sagt der Mann, der beim HSV auch als persönlicher Berater von Investor Klaus-Michael Kühne Schlagzeilen schrieb und bei den Hamburgern so viele Spieler unter Vertrag hat wie kein anderer Berater. Struth vertritt die Interessen von Bobby Wood, André Hahn, Dennis Diekmeier, Luca Waldschmidt und Arianit Ferati.

Für Luca Waldschmidt gibt es die nächste, letztlich aber wohl erwartete schlechte Botschaft. Der 21-jährige Stürmer, der zuletzt unter Trainer Markus Gisdol keine Rolle mehr gespielt hatte, steht nicht im U21-Aufgebot des DFB. Bundestrainer Stefan Kuntz nominierte 22 Profis für die EM-Qualifikationsspiele in Aserbaidschan (9. November) und Israel (14. November). Im Gegensatz zu den Ex-Hamburgern Jonathan Tah und Levin Öztunali wurde Waldschmidt nicht berücksichtigt.

Die Personalnot war so groß wie selten, in der Offensive lief wenig zusammen, und dennoch durfte Luca Waldschmidt in Hannover keine einzige Minute ran. „Weil ich mit seinen Leistungen zuletzt nicht zufrieden war“, erklärte Trainer Markus Gisdol, der sich auch auf Nachfrage, was der Youngster denn falsch gemacht habe, schmallippig gab. „Das weiß er schon. Das müssen Sie nicht wissen.“