Passquoten von über 80 Prozent waren unter Markus Gisdol und Bernd Hollerbach die absolute Ausnahme, meist lag der HSV klar darunter. Das hat sich unter Christian Titz fundamental geändert. Schon zum fünften Mal unter Titz kamen in Wolfsburg mehr als 80 Prozent der HSV-Pässe an. Lewis Holtby hatte klar zum Ausdruck gebracht, dass ihm diese Art des Fußballs deutlich besser schmeckt – und das auch auf dem Platz gezeigt. Holtby selbst wies gemeinsam mit Aaron Hunt allerdings die schwächste Passquote des HSV auf. Der Wert betrug aber immer noch 67 Prozent. Unter Gisdol und Hollerbach wäre das noch ein guter Wert innerhalb der HSV-Mannschaft gewesen.

HSV-Trainer Christian Titz wird zurzeit landauf, landab gefeiert, weil er den „Dino“ wieder wachgeküsst hat. Der Technische Direktor des FC St. Pauli Ewald Lienen findet diesen Hype übertrieben. „Die Euphorie geht immer ganz schnell – auch beim HSV“, sagte er im TV-Talk „Sky 90“. „Man muss die Kirche mal im Dorf lassen. Sie gewinnen jetzt einmal. Man kann einen Trainer nicht nach fünf Spieltagen beurteilen.“ Zustimmung bekam Lienen von Ex-HSV-Boss Heribert Bruchhagen. „Ich möchte das unterstützen“, sagte er und führte aus: „Bruno Labbadia ist 2015 Hamburger des Jahres geworden und wurde vier Monate später entlassen. Markus Gisdol ist ganz ähnlich beurteilt worden und wurde auch vier Monate später entlassen. Das geht gar nicht gegen Herrn Titz, das ist ganz allgemein gesprochen.“

Christian Titz hätte der HSV schon befördern können, nachdem der HSV am 21. Januar Markus Gisdol entlassen hatte. „Ich kannte Herrn Titz, war aber nicht in einem ständigen Austausch mit ihm“, sagte Heribert Bruchhagen im TV-Talk „Sky 90“. Man habe sich schließlich für die Lösung Bernd Hollerbach entschieden. Aus einem einfachen Grund, wie der Ex-Boss erklärte: „Gisdol hatte ein bisschen die Emotion, die Begeisterungsfähigkeit gefehlt.“ Letztlich habe es dann „viele Kleinigkeiten gegeben, die dazu geführt haben, dass Bernd keinen Erfolg hatte“. Es sei aber zu einfach, den Niedergang an Hollerbach oder Ex-Sportchef Jens Todt festzumachen. „Wir haben in der Gesamtkonstellation alle dazu beigetragen.“

Hertha BSC war übrigens zuletzt ein gern gesehener Gast im Volksparkstadion. Am 5. März 2017 gewann der HSV mit 1:0 gegen die Berliner, am 6. März 2016 gab es einen Hamburger 2:0-Sieg. Während bei Hertha jedes Mal Pal Dardai auf der Trainerbank saß, hießen die Übungsleiter des HSV bei den Spielen Bruno Labbadia und Markus Gisdol. Nun könnte Christian Titz der Dritte im Bunde sein, der dem Ungar eine Niederlage in Hamburg zufügt. Von den letzten 14 Heimspielen gegen Hertha verlor der insgesamt nur zwei Partien.

Er soll am Sonnabend zum ersten „Opfer“ des neuen HSV-Trainers werden. Wenn Christian Titz um 15.30 Uhr sein Bundesliga-Debüt als Chefcoach geben wird, steht ihm Pal Dardai aufseiten von Hertha BSC gegenüber. Der Berliner Trainer reagiert mit einer fast schon an Überheblichkeit grenzenden Gelassenheit auf den Wechsel in Hamburg. „Er hat eine neue Philosophie und vielleicht auch ein neues System“, sagt der Ungar und fügt hinzu: „Es ist nicht sicher, dass er mit seinem Lieblingssystem kommt, das er im Nachwuchs gespielt hat – denn Jugendfußball ist Jugendfußball und Männerfußball ist Männerfußball. Aber wir achten vor allem auf unsere Spielweise.“ Er sei Titz noch nie begegnet, erklärt Dardai, dennoch sei er bestens für das Aufeinandertreffen gerüstet. „Wir sind vorbereitet. Man hat genügend Bekannte, da kriegt man seine Informationen.“ Der Hertha-Trainer kennt übrigens das Gefühl auf einen HSV-Trainer bei dessen Debüt zu treffen. Auch Markus Gisdol gab seinen Einstand gegen die Berliner, die das Duell 2:0 gewannen.

Die Vergleiche liegen auf der Hand. Auch 2014 glaubte der HSV eine Wende einleiten zu können, als man einen erfolgreichen Trainer der zweiten Mannschaft befördert hatte. Damals hievte Dietmar Beiersdorfer Joe Zinnbauer ins Amt. Ein Experiment, das nach einem halben Jahr und 24 Punkten aus 24 Spielen aber gescheitert war. Zinnbauer rückte kurz darauf zurück ins zweite Glied. Damals wie heute sprach sich der Direktor Sport Bernhard Peters dafür aus, den Trainer der Reserve zu den Profis zu holen. Dennoch seien die Szenarien nicht miteinander vergleichbar, erklärte Peters, der auch den Ratschlag zur Verpflichtung von Markus Gisdol erteilt hatte, am Montag auf der Pressekonferenz. „Nein, das wäre falsch“, sagte Peters. „Titz hat mit uns über drei Jahre eine Idee entwickelt, wie wir gemeinsam den Fußball sehen. Es geht darum, einen Trainer, der diesen Schritt macht, mit Vertrauen zu begleiten.“ Peters bekräftigte: „Wir denken, dass wir es schaffen können, Samstag mit durch Titz veränderter Einstellung eine andere Leistung auf dem Platz zu sehen.“

Nur 17 Punkte nach 24 Spielen. Ist der HSV noch zu retten? Der Blick in die Bundesliga-Geschichtsbücher zeigt, dass es in den vergangenen zehn Jahren sogar zwei Mannschaften gelungen ist, mit einer derart schlechten Ausbeute den Klassenerhalt zu schaffen. In der Saison 2009/2010 hatte Hannover 96 zum gleichen Zeitpunkt ebenfalls nur 17 Zähler auf dem Konto. Der Unterschied: Die Niedersachsen hatten trotz dieser mageren Ausbeute nur einen Punkt Rückstand auf den Relegationsplatz, beim HSV sind es sieben. Unter Mirko Slomka gelang die Wende. Hannover gewann am 25. Spieltag und blieb am Ende mit 33 Punkten als 15. in der Bundesliga. In der Saison 2012/2013 war es dann die TSG Hoffenheim, die sich in einer ähnlich aussichtslosen Situation wie aktuell der HSV befand. Nach 24 Spieltagen hatten die Kraichgauer sogar nur 16 Punkte geholt. Der Rückstand auf den Relegationsplatz, den damals Augsburg belegte, betrug fünf Punkte. Am 25. Spieltag gelang aber auch Hoffenheim, das kurze Zeit später den Trainer wechselte (Markus Gisdol kam für Marco Kurz), die Wende. Hoffenheim gewann 3:0 in Fürth, holte aus den letzten zehn Spielen insgesamt noch 15 Punkte und blieb über die Relegation drin, weil man am letzten Spieltag noch an Fortuna Düsseldorf vorbeizog. Die Rheinländer hatten nach 24 Spieltagen noch zwölf Punkte Vorsprung auf Hoffenheim gehabt.

Er ist der Kult-Fan des HSV. Peter Dietz, den alle nur als „Helm-Peter“ kennen, hat nun in der „Bild“ HSV-Trainer Markus Gisdol attackiert. Was den 72-Jährigen stört, ist, dass der Coach immer häufiger geheim trainieren lässt. „Was ich mir von Gisdol 2018 wünsche?“, fragt „Helm-Peter“. „Ein bisschen mehr Lockerheit! Er kann mit seinen Geheimtrainings uns Fans gerne verscheißern – nur muss dabei auch endlich mal was rauskommen. Das sind Nebenschauplätze, an denen er sich aufreibt. Die bringen nichts – vergraulen aber uns Fans…“