HSV-Präsident Bernd Hoffmann (55) rückt immer stärker ins Zentrum der Macht. Der Aufsichtsratsvorsitzende hat inzwischen auch ein Büro auf der HSV-Geschäftsstelle. Das gab es zuletzt unter Horst Becker, der 2013 aus dem Aufsichtsrat ausgeschieden war. Hoffmann ist damit nun ganz nah an allen Entscheidungen dran. Das Büro soll nach Informationen der „Bild“ allerdings nicht von Hoffmann, sondern von dessen Fünf-Wochen-Vorgänger Michael Krall eingerichtet worden sein. Dem neuen Aufsichtsrats-Boss Hoffmann steht nun auch eine Assistentin zur Verfügung. Er werde das Büro aber nicht täglich und auch nicht in Vollzeit nutzen, heißt es.

In einem Interview auf der Homepage des HSV hat Bernd Hoffmann Stellung zur Entlassung von Heribert Bruchhagen bezogen. „Wir haben die jüngste Vergangenheit intensiv zur Analyse der Gesamtlage genutzt und sind zu der Erkenntnis gelangt, dass wir die Neuausrichtung des HSV jetzt unmittelbar beginnen müssen“, sagte der neue Aufsichtsratsvorsitzende. Er hab zu verstehen dass er Bruchhagen keineswegs als Hauptschuldigen für die aktuelle Krise sehe. „Zu der aktuellen Gesamtlage haben eine Vielzahl von Ursachen und Entwicklungen über Jahre beigetragen. Heribert Bruchhagen trug zuletzt als Vorstandsvorsitzender die Hauptverantwortung, was er selbst ja auch immer wieder betont hat. Es ist keine Trennung im Streit. Heribert Bruchhagen hat sich stets schützend vor unseren Klub gestellt. Ihm war und ist sehr daran gelegen, dass der HSV die aktuelle sportliche Talsohle überwindet.“ Ob die neuerliche Unruhe die Restchancen auf den Klassenerhalt reduziere? Hoffmann antwortet: „Für uns als Aufsichtsrat geht es um das Gesamtwohl der HSV Fußball AG. Wir sehen die Notwendigkeit zur Entwicklung einer Strategie, die den HSV langfristig stabilisiert und in bessere Zeiten führen soll. Der Vorstand bleibt dank Frank Wettstein operativ voll handlungsfähig.“ Zur Nachfolge von Bruchhagen könne er sich erst äußern, „wenn wir den Prozess der Nachfolgersuche beendet haben. Ich werde Ihnen kein Datum und auch keine Namen nennen. Wir erstellen ein konkretes Anforderungsprofil und starten einen geordneten Prozess, mit dem wir den besten Kandidaten für den HSV finden wollen. Wir müssen mit den Erfahrungen der Vergangenheit und mit dem Blick auf die Zukunft unseres Klubs dahin kommen, dass wir nicht die schnellste oder namhafteste Lösung präsentieren, sondern die richtige“. Das Anforderungsprofil für einen Vorstandsvorsitzenden werde man nicht öffentlich diskutieren, „sondern es mit höchster Priorität intern behandeln. Klar ist aber natürlich, dass wir uns intensiv mit der Persönlichkeit der potenziellen Kandidaten und mit ihrer Managementfähigkeit beschäftigen werden. Ziel muss es zudem sein, eine Person zu finden, die langfristig die Neuausrichtung des HSV steuern kann“. Die Neuordnung des Aufsichtsrats – Hoffmann löste Michael Krall als Vorsitzenden ab – sei ohne Streit abgelaufen. „Wir hatten im Aufsichtsrat sehr intensive und offene Diskussionen, die wir zu allen Punkten mit einstimmigen Entscheidungen abschließen konnten. In Anbetracht meiner Erfahrung im Profifußball hat der Aufsichtsrat mich – ebenfalls einstimmig – gebeten, die Neuausrichtung des HSV maßgeblich mit voranzutreiben. Vor diesem Hintergrund hat der Aufsichtsrat die interne Umstellung mit mir als Vorsitzenden und Max-Arnold Köttgen als Stellvertreter einstimmig beschlossen. Michael Krall bereichert das Gremium weiterhin als Aufsichtsratsmitglied.“

Frank Rost hat als Studio-Gast in der TV-Sendung „100 % Bundesliga“ bei NITRO mit seinem Ex-Verein abgerechnet. „Der HSV ist ein Selbstbedienungsladen geworden – für Berater, für Spieler, für viele Leute“, sagte der Ex-Torwart, der unter anderem auch Reiner Calmund, „den Mann aus den unsäglichen Kochshows“, an den Pranger stellte. Dass dieser als Sky-Experte die Lage des HSV analysiere, passt Rost überhaupt nicht. „Er berät Volker Struth, beide zusammen beraten Kühne.“ Calmund könne daher die Lage keinesfalls objektiv beurteilen. „Beide behaupten, sie wollen Kühne nur beraten, damit sein Geld auch gut angelegt ist. Ich glaube persönlich doch eher, dass die Liebe dem Bankkonto von Herrn Kühne gilt und nicht dem HSV“, sagte Rost, der auch den Präsidenten Bernd Hoffmann, schon zu aktiven Zeiten nicht gerade ein Freund des Torhüters, scharf attackierte. „Er sagt bei seiner Wahl, alle sollen weg, er wolle Heldt holen. Das ist doch eine Katastrophe. Er hat dem Verein einen Bärendienst erwiesen“, schimpfte Rost, der nach einem Jahr Pause am Sonnabend mal wieder im Volksparkstadion aufgetaucht war. „Ich war erschrocken über die Atmosphäre“, sagte er und zeigte Verständnis für die Fans. „Die Leute sind müde. Wenn du fünf, sechs Jahre immer hörst, es wird besser und dann passiert doch nichts, dann ist das so. Die Leute sind es leid.“ Er hoffe nun, dass der Aufsichtsratsvorsitzende Michael Krall einen Neustart einleiten kann. „Du musst etwas verändern. Du brauchst jetzt starke Leute im Vorstand. Herr Krall muss da ein Mediator sein. Ich denke, dass er diese Rolle ausfüllen kann.“ Unter Krall, so ließ Rost durchblicken, könne auch er sich vorstellen, einen Posten beim HSV zu übernehmen.

Vorstands-Boss Heribert Bruchhagen hat sich am Tag nach dem ernüchternden 0:0 gegen Mainz den Fragen der Medien gestellt. „Die Enttäuschung liegt wie ein bleierner Nebel über allen“, sagte er, versuchte aber dennoch sich kämpferisch zu zeigen. „Wir tun alles dafür, diese Restchance zu nutzen. Wir wollen uns mit dieser Restchance solidarisieren.“ In den Planungen müsse man „aber natürlich auch Gespräche darüber führen, was wir für den Fall der 2. Liga tun“. Über seine eigene Zukunft, die seit der Wahl von Bernd Hoffmann zum HSV-Präsidenten am seidenen Faden hängt, sagte Bruchhagen: „Was ich in dieser Woche habe lesen müssen, ist Spekulation, beruht aber nicht auf Fakten. Das muss nicht der Wahrheit entsprechen.“ Die Spekulationen seien „aber auch gerechtfertigt“. Mit dem Aufsichtsratsvorsitzenden Michael Krall habe er sich „auch gestern und heute“ ausgetauscht: „Es wäre ein Wunder, wenn einem nicht auch kritische Fragen gestellt werden.“ Über Hoffmann sagte Bruchhagen: „Er hat davon gesprochen, dass alles auf dem Prüfstand steht. Das ist mir bekannt.“ Bis zum 15. März muss der HSV seine Lizenzunterlagen bei der Deutschen Fußball Liga (DFL) einreichen. Es seien zwar „Transfererlöse notwendig, um die Zweitliga-Lizenz zu sichern“, erklärte Bruchhagen, verwies aber auf offenbar optimistische Einschätzungen von Frank Wettstein. „Mein Finanzvorstandskollege sieht keine Probleme.“

Nach den Absagen von Karl J. Pojer (Hapag-Lloyd Cruises) und Jens Luther (HEK) hat HSV-Präsident Jens Meier offenbar einen neuen prominenten Namen für die Liste des neu zu besetzenden Aufsichtsrates gefunden. Nach einem Bericht des „Hamburger Abendblatts“ soll Michael Krall, stellvertretender Vorstandssprecher der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG, dem Gremium ab dem kommenden Jahr angehören. Der Wirtschaftsfachmann scheidet Ende des Jahres bei KPMG aus und wäre voraussichtlich auch der Top-Kandidat für den Vorsitz des Aufsichtsrats, der von der Hauptversammlung des HSV im Januar gewählt werden soll. Der aktuelle Aufsichtsratsvorsitzende Andreas Peters will die Leitung des Gremiums abgeben, soll aber neben Meier und Felix Goedhart dem Aufsichtsrat erhalten bleiben. Neben Krall soll Ex-Profi Marcell Jansen zu dem Sechser-Gremium dazustoßen. Damit fehlt nun nur noch ein Name auf der Liste.