Bei seiner Gegneranalyse war Julian Nagelsmann vor allem von Senkrechtstartet Matti Steinmann beindruckt. Der 23-Jährige sei ein „guter Sechser, der den Ball geschickt verteilt“, sagte der Trainer von 1899 Hoffenheim vor dem Duell mit dem HSV. Die Zahlen geben ihm Recht: Steinmann, den der neue Trainer Christian Titz gegen Hertha BSC (1:2), in Stuttgart (1:1) sowie gegen Schalke (3:2) von Beginn an brachte, hat mit 81 Prozent die beste Passquote aller HSV-Profis. Mal abgesehen von Verteidiger Stephan Ambrosius (94 Prozent), der nur eine Halbzeit spielte (in Stuttgart).

Beim HSV wurde er gleich mehrfach aussortiert, bei 1899 Hoffenheim entwickelte sich Kerem Demirbay zum Leistungsträger und Nationalspieler. Offen ist allerdings, ob der Mittelfeld-Regisseur im Duell mit seinem Ex-Klub am Sonnabend in die Startelf der TSG zurückkehren wird. „Es liegt in erster Linie an ihm selbst, ob er ein Kandidat ist. Gesundheitlich schon“, sagte Julian Nagelsmann. Anders ausgedrückt: Demirbay, der sich Anfang Februar einen Außenbandriss im Sprunggelenk zugezogen hatte und zuletzt in Frankfurt (1:1) als Joker sein Comeback gab, muss sich im Training erst wieder neu empfehlen.

Vor knapp zwei Wochen traf 1899 Hoffenheim auf Abstiegskandidat Köln, der FC hatte gerade das Rheinderby gegen Leverkusen mit 2:0 gewonnen. Und verlor bei der TSG sang- und klanglos mit 0:6. Julian Nagelsmann hofft nun auf eine Wiederholung, warnt aber auch vor dem Duell mit dem HSV. „Ich sehe schon eine große Parallele zum Köln-Spiel, die hatten auch nach ihrem Sieg gegen Leverkusen wieder einen Strohhalm, an den sie sich klammern konnten. Der HSV hat unter dem neuen Trainer sehr gute Spiele gemacht, mit Ausnahme der zweiten Hälfte gegen Berlin“, sagte der Hoffenheimer Trainer und lobte die neue Spielweise unter Christian Titz: „Sie sind ganz anders ausgerichtet, setzen auf Ballbesitz, greifen vorne mit fünf Spielern sehr aggressiv an, haben mit Matti Steinmann einen guten und sicheren Sechser, der den Ball verteilt. Hamburg wird mit offenem Visier spielen, steht mit dem Rücken an der Wand. Wir werden auch mit offenem Visier spielen, es wird also interessant. Ob es so wie gegen Köln ausgeht, glaube ich nicht, aber wir werden es versuchen.“

Beim nächsten HSV-Gegner steht vor allem der Trainer im Fokus. Julian Nagelsmann gilt sowohl beim FC Bayern als auch bei Borussia Dortmund als Kandidat für die kommende Saison. Doch im „Playboy“ bekräftigte der Coach ein weiteres Mal, bei 1899 Hoffenheim bleiben zu wollen: „Ich habe den Vertrag bis 2021, inklusive einer Ausstiegsklausel für 2019, mit der Idee unterschrieben, hier zu bleiben. Auf jeden Fall bis 2019.“ Er könne sich sogar vorstellen, noch länger für die TSG zu arbeiten: „Man darf bei alldem nicht vergessen: Ich bin 30 und Trainer in der Bundesliga. Und da ist Hoffenheim nicht die schlechteste Adresse.“ Nagelsmann kündigte zudem einen sauberen Abschied aus Hoffenheim an: „Es wird niemals so sein bei mir, dass etwas im Krieg auseinandergeht. Das ist nicht meine Art.“

Mit dem ersten Freistoß-Tor seiner Bundesliga-Karriere sorgte Filip Kostic gestern für das 2:0 und damit die Vorentscheidung. Der HSV-Linksaußen profitierte bei seinem 32-Meter-Kracher von einer Hoffenheimer Fehlerkette. „Den Ball muss ich halten. Fertig“, nahm TSG-Keeper Oliver Baumann den Gegentreffer auf seine Kappe: „Ich bekomme die linke Hand nicht schnell genug runter.“ Aber warum hatten die Gäste auf eine Mauer verzichtet? Völlig unsortiert formierten sich Nadiem Amiri, Mark Uth und Florian Grillitsch an der von Schiedsrichter Bastian Dankert gezogenen Markierung, mehrere Meter weit auseinander stehend. „Ich wollte den Ball sehen und einen Spieler links und einen rechts davon. Aber nicht so weit auseinander, da war der Abstand zu groß“, sagte Baumann. Und 1899-Coach Julian Nagelsmann? War bedient! „Ich kümmere mich nicht um die Mauer. Wenn ich mich auch noch um eine Mauer kümmere, komme ich gar nicht mehr zum Schlafen.“

Dem heutigen Duell mit dem HSV blickt Julian Nagelsmann mit großem Respekt entgegen. Vor allem die Stimmung im Volkspark bereitet ihm Sorgen, wie er in seiner Analyse des Gegners betonte: „Der HSV hat sich spielerisch im Vergleich zur Vorsaison verändert. Sie haben viel mehr spielerische Ansätze und versuchen nicht mehr nur, das Mittelfeld schnell mit langen Bällen zu überbrücken. Sie jagen nicht mehr so extrem den zweiten Ball. Da sieht man die Arbeit von Markus Gisdol. Dazu kommt, dass der HSV ein sehr gutes Spiel über die Flügel hat – so können sie immer für Gefahr sorgen. Im Sturm haben sie sehr talentierte Spieler und in der Innenverteidigung eine besondere Mentalität. Das macht es auf dem Feld für uns schwer. Dazu kommt noch der extreme Druck von den Rängen. In Hamburg ist immer eine sehr gute Stimmung. Sie haben noch nicht so viele Punkte und stehen unter Zugzwang. Deshalb wird die Stimmung extrem sein. Darauf müssen wir emotional vorbereitet sein. Nur dann können wir als Sieger vom Platz gehen.“