Trainer Christian Titz hat im NDR-Sportclub dafür plädiert, den Glauben an den Klassenerhalt nicht aufzugeben. „Natürlich können wir die Tabelle lesen, und wir wissen, wie groß der Punkteabstand, der sich über das Wochenende ja leider nicht verringert hat, ist“, sagte er. „Aber die Mannschaft hängt sich voll rein, packt positive Sachen an, spielt gut mit dem Ball und erarbeitet sich Chancen“, erläuterte Titz. „Wir haben zuletzt gegen zwei Mannschaften gespielt, die zu den defensivstärksten Teams der Liga zählen. Wir sind in beiden Spielen in Führung gegangen und hätten durch Luca Waldschmidt das Spiel in Stuttgart auch für uns entscheiden können. Bundesliga-Fußball ist eine ganz enge Kiste, da entscheiden oftmals Kleinigkeiten und manchmal eben auch das Spielglück. Das war nicht auf unserer Seite. Aber die Mannschaft zeigt, dass sie lebt.“

Christian Titz hat sich im Sky-Interview vor dem Anpfiff des HSV-Spiels beim VfB Stuttgart betont gelassen gegeben. Ob seine Personal-Revolution Unruhe ins Team gebracht habe, wurde der 46-Jährige gefragt. Seine Antwort: „Ganz im Gegenteil. Wir haben zwei sehr angenehme Wochen hinter uns.“ Bei Mannschaften im Abstiegskampf gebe es zwar „generell ein bisschen Unruhe. Aber wir sind mit einem anderen Selbstverständnis hier als zu Beginn“. Seine Maßnahmen habe er wohl überlegt getroffen. „Ich hatte ja schon länger Zeit mir die Mannschaft und die Struktur anzuschauen“, sagte Titz, der zuvor bekanntlich die U21 des HSV trainiert hatte. „Ich würde mich aber nicht als Hardliner bezeichnen. Es geht darum, das Beste für die Mannschaft zu finden.“ Mohamed Gouaida stehe in der Startelf, „weil er sich in den vergangenen Wochen und Monaten hervorragend in der U21 präsentiert hat. Wir entscheiden uns für die Spieler, bei denen wir denken, dass wir mit denen die höchstmögliche Wahrscheinlichkeit haben, das Spiel zu gewinnen. Wir haben nichts mehr zu verlieren“. Taktisch habe er eine „klare Idee, wie wir den VfB vorne anlaufen werden“, sagte Titz und machte klar: „Wenn wir mit einem Sieg nach Hause fahren, bekommen wir ein neues Selbstbewusstsein.“

Gegen Hertha BSC saß André Hahn auf der Tribüne, nun hat er sich in den Kader zurückgekämpft. Aberglaube dürfte dabei keine Rolle gespielt haben, Hahns Bilanz gegen den VfB Stuttgart aber liest sich ausgezeichnet. Keines seiner sechs Duelle mit den Schwaben hat Hahn verloren. Er feierte in den Trikots von Augsburg, Mönchengladbach und Hamburg fünf Siege gegen Stuttgart, ein Spiel endete unentschieden.

Den VfB Stuttgart erwähnt HSV-Präsident Bernd Hoffmann gerne, wenn es darum geht, aufzuzeigen, dass man sich aus der 2. Bundesliga wieder zurückkämpfen kann. „In einer ganz schwierigen Situation 2016 haben sich die Stuttgarter nach dem Saisonende sowohl vom Vorstand Sport als auch vom Präsidenten gezeigt“, erinnerte Hoffmann an die Entlassungen von VfB-Präsident Bernd Wahler und Sportchef Robin Dutt, um Parallelen aufzuzeigen. „Der Sportchef ist erst zwei Monate später, am 15. Juli, vom VfB verpflichtet worden. Und dennoch haben die Stuttgarter alle Transfers abgewickelt und eine Mannschaft zusammenbekommen, mit der sie direkt wieder aufgestiegen sind.“ Alles richtig. VfB-Finanzvorstand Stefan Heim formuliert im Gespräch mit dem „Hamburger Abendblatt“ dennoch eindringliche Warnungen an den HSV. „Der Abstieg war kein Schuss vor den Bug, sondern ein Schuss in den Bug“, sagt er. „Wir mussten zunächst alles um 40 Prozent herunterfahren“, führt Heim aus. „Der Abstieg hat uns rund 40 Millionen Euro gekostet.“ Dem VfB habe dabei extrem geholfen, dass man ganz im Gegensatz zum HSV finanziell auf einigermaßen gesunden Beinen stand. „Sehr wichtig war für uns, dass wir eine Lizenz für die Zweite Liga ohne Auflage und Bedingungen erhalten haben“, sagt Heim. „Dadurch ist man natürlich in einer ganz anderen Verhandlungsposition mit Spielern und Vereinen. Man hat keinen so extremen zeitlichen Druck dass man Spieler kurzfristig verkaufen muss, um etwaige Auflagen oder Bedingungen der DFL zu erfüllen.“ Der HSV, der bis Dienstag seine Lizenzunterlagen für die Zweite Liga bei der Deutschen Fußball Liga einreichen muss, wird hingegen voraussichtlich sehr harte Auflagen auferlegt bekommen. Ob der Verein dem guten Beispiel des VfB folgen kann, ist daher ungewiss. In Stuttgart wurde übrigens kein Mitarbeiter auf der Geschäftsstelle entlassen, jeder Angestellte verzichtete aber auf 40 Prozent seines Gehalts.

Er ist mit einer Ablöse von 14 Millionen Euro der teuerste HSV-Spieler aller Zeiten. Filip Kostic kam 2016 vom VfB Stuttgart für diesen astronomischen Betrag. Am Ostersonnabend reist der Serbe erstmals wieder zu seinem Ex-Klub: als Gegner mit dem HSV, wo er inzwischen mehr Minuten gespielt hat als in seiner VfB-Zeit. 4383 Minuten sind es konkret, die Kostic für die Hamburger kickte, in Stuttgart waren es 250 Minuten weniger. Für beide Klubs erzielte Kostic acht Tore. Auffällig allerdings: Während er beim VfB 13 Treffer vorbereitete, waren es für den HSV in 54 Spielen gerade mal sieben. Die „Butler“-Qualitäten haben also stark nachgelassen, was sich auch den Vorlagen zu Torschüssen ablesen lässt. In seiner Stuttgarter Zeit kam er auf 153, beim HSV sind es bis dato nur 89 Vorlagen. Beim VfB hatten zwölf Kostic-Standards zu Toren geführt, beim HSV waren es nur drei. Auch bei der Zahl der Ballkontakte pro 90 Minuten (45 beim HSV, 55 in Stuttgart) haben Kostic‘ Werte nachgelassen, gleiches gilt für die Zweikampfstatistik (41,8 Prozent vs. 47,9 Prozent).

Der Ostersonnabend kann für den HSV zu einem Schicksals-, für den VfB Stuttgart hingegen zu einem kleinen Feiertag werden. „Wenn man die 40 (Punkte, Anm.) hat, ist es so, dass es vielleicht rechnerisch immer noch nicht so ist, dass man die Liga hält, aber die Wahrscheinlichkeit sehr hoch ist. Bis dahin werde ich kein Wort über die Kür in den Mund nehmen“, sagte Trainer Tayfun Korkut vor dem Spiel gegen den HSV über die symbolische Marke und betonte: „Die Pflicht ist noch nicht erreicht.“
Gewinnen die Schwaben aber und kommt der 1. FC Köln parallel nicht über ein Remis gegen die TSG Hoffenheim hinaus, ist zumindest ein direkter Abstieg in die 2. Liga rechnerisch vom Tisch. Es wäre der erste kleine Lohn für die zuletzt so starke Phase des Aufsteigers. „Wir bekommen keine Geschenke oder Blumen dafür, was die Mannschaft in den letzten Wochen geleistet hat“, sagte Korkut. „Aber für mich ist es wichtig, das im Kopf zu haben.“
Gegen den HSV soll die Serie seit Korkuts Einstieg ausgebaut werden. In den sieben Partien mit ihm auf der Bank ist Stuttgart ungeschlagen, holte 17 Punkte und damit sogar einen mehr als der FC Bayern München im gleichen Zeitraum.
Allerdings ist die Aufgabe durch den Trainerwechsel undankbar. „Es ist ein neuer Trainer mit neuen Ideen, sie hatten jetzt auch etwas mehr Zeit, auf die eine oder andere Idee des Trainers einzugehen“, sagte Korkut. „Sie könnten überraschen.“ Darauf sei der VfB vorbereitet.
Seine Startelf muss Korkut umbauen, Andreas Beck fehlt gesperrt. Innenverteidiger Timo Baumgartl wird wegen seiner leichten Gehirnerschütterung aus dem Spiel gegen Köln Anfang März wie schon gegen Leipzig und Freiburg zum dritten Mal nicht im Kader stehen. Das twitterte der VfB am Freitag nach dem Training. Bei den zuletzt angeschlagenen Holger Badstuber und Dennis Aogo sei dagegen „alles im grünen Bereich“, berichtete Korkut.

Die erste halbe Stunde des Abschlusstrainings absolvierten die Profis auf dem Trainingsplatz, für den Rest der Einheit geht es nun ins Stadion. Anschließend wird Trainer Christian Titz sechs seiner heute anwesenden 22 Feldspieler eröffnen, dass für sie kein Platz im Kader für das morgige Spiel in Stuttgart ist.