Wenn ich in diesen Tagen mit HSV-Fans in meinem Freundes- und Bekanntenkreis spreche, dann geht es gar nicht mehr darum, ob noch Hoffnung auf den Klassenerhalt besteht. Sie beschäftigen sich nicht wie in all den Jahren zuvor mit dem eigenen Restprogramm und dem der anderen Kellerkinder. Fast alle finden sich schon sechs Spieltage vor Schluss damit ab, dass es in der nächsten Saison nicht gegen Bayern, Dortmund oder Bremen, sondern gegen Sandhausen, Regensburg oder St. Pauli geht. Im Vordergrund steht viel mehr die jüngste Entwicklung. Plötzlich höre ich Zuversicht, ja, sogar Zufriedenheit heraus, wenn sie über ihren Herzensverein sprechen. Das klingt dann so: „Ich habe zum ersten Mal seit langem das Gefühl, dass beim HSV etwas Neues entsteht!“ Oder so: „Da wächst etwas heran, da ist eine Mannschaft auf dem Platz, die einen Plan hat und diesen auch konsequent umsetzt.“ Und so: „Da ist jetzt ein Trainer, dem es nicht darum geht, selbst gut dazustehen. Er will die Spieler besser machen und das Team weiterentwickeln.“ Dann fragen mich meine Freunde, ob ich glaube, dass Christian Titz weitermachen darf. Meine Antwort: Ich weiß es nicht. In der Chefetage wissen sie es ja selbst noch nicht. Aber: Es wäre dem HSV zu wünschen.

Matthias Linnenbrügger

Die Zeit war knapp, es blieb ihm kein Raum, die Entscheidung in Ruhe abzuwägen. Daher traf Thomas von Heesen sie mit dem Herzen und nicht mit dem Verstand, als er Montag von Vorstand Frank Wettstein um Hilfe gebeten wurde. In der aktuellen Situation des HSV eine verantwortliche Rolle im Klub zu übernehmen, ist – nun ja – mutig. Das gilt auch für Trainer Christian Titz, der allerdings zurecht eher die Chance als das Risiko sieht. Bei von Heesen ist das anders! Sein Name steht für große Erfolge, für Triumphe auf nationaler und internationaler Bühne. Er ist eine Ikone des Vereins. Diesen Status setzt der 56-Jährige nun aufs Spiel – denn beim Abstieg wäre auch er ein Gesicht der schwärzesten Stunde des HSV! Dass von Heesen dieses Wagnis eingeht, zeigt, dass er Eier hat. Und solche Typen werden jetzt gebraucht.

Matthias Linnenbrügger