Teile des Aufsichtsrats wollten Vorstands-Boss Heribert Bruchhagen und Sportchef Jens Todt von ihre Ämtern entheben. Dieser Versuch wurde öffentlich gemacht, was Aufsichtsrats-Boss Andreas Peters noch wütender macht als unterschiedliche Meinungen zur Arbeit an der HSV-Spitze. Vor dem Nordderby gegen Hannover 96 sagte er: „Aufsichtsrat und Vorstand sind sich einig, dass unser maximaler Fokus aktuell auf den Spielen der Fußball-Bundesliga liegen muss. Zu den außersportlichen Themen daher nur so viel: Bei der öffentlichen Diskussion über das Verhalten einzelner Aufsichtsratsmitglieder sollte nicht in den Hintergrund treten, dass Kern des Übels zumindest nicht das gremieninterne Aufwerfen von Fragen ist. Was dem HSV und der notwendigerweise vertraulichen Zusammenarbeit im Aufsichtsrat vor allem schadet, ist die Herausgabe von Interna an Dritte. Wer diese Einsicht nicht hat, gehört nicht in den Aufsichtsrat.“

Wie lange es schon schlecht um den HSV bestellt ist, zeigt ein Blick auf diese Statistik: Seit Sommer 2013 belegten die Hamburger an 69 von 156 Spieltagen einen der letzten drei Tabellenplätze – häufiger als jedes andere Team. Hannover 96, der heutige Gegner, lag in diesem Zeitraum nur 27 Mal auf einem der letzten drei Plätze, musste im Gegensatz zum Liga-Dino 2016 aber absteigen. Die Regel: Willst Du Hamburg oben sehen, musst Du die Tabelle drehen.

Trotz der prekären sportlichen Lage bestimmten Ränkespiele in der Führung die Themenlage vor dem Nordderby heute gegen Hannover. Teile des Aufsichtsrats wollten Vorstand Heribert Bruchhagen und Sportchef Jens Todt entmachten, der Vorgang wurde öffentlich und störte massiv die Vorbereitung auf das Spiel. Doch Trainer Bernd Hollerbach bemühte sich, das Theater in den Gremien vom Team fernzuhalten: „Ich will meine Energie damit verbrauchen, alles ins Sportliche reinzusetzen. Wir wollen uns aufs Wesentliche konzentrieren, ein gutes Spiel machen und drei Punkte in Hamburg behalten. Was Drumherum passiert, ist nicht unser Thema. Es ist nun einmal so, dass es in der Bundesliga Unruhe gibt, wenn die sportliche Situation nicht zufriedenstellend ist. Ich habe mich immer auf das konzentriert, was ich beeinflussen kann. Damals als Spieler und jetzt als Trainer.“

Olaf Scholz hat einen ziemlich verwegenen Traum. Hamburgs Erster Bürgermeister würde die Spieler des HSV nur allzu gern und in absehbarer Zeit zu einer Titelfeier empfangen. „Ich hoffe wirklich, dass ich nicht ewig im Amt bleiben muss, um das noch einmal zu erleben“, sagte der 59 Jahre alte SPD-Politiker der „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“. Zwar sei er kein klassischer Fußball-Fan, bekannte Scholz. „Trotzdem wäre es einer meiner Wünsche, mit dem HSV im Turmsaal des Hamburger Rathauses eine Meisterschaft zu feiern.“

Für einen Stürmer ist es eine Ewigkeit: Seit 999 Minuten wartet Bobby Wood nun schon auf ein Tor, zuletzt und damit auch zum einzigen Mal in der laufenden Saison traf der US-Boy am zweiten Spieltag in Köln (3:1) für den HSV. Dennoch erhält Wood heute gegen Hannover eine neue Chance – doch die 1000 macht er auf jeden Fall voll.

Die Situation ist verzwickt! Die Konkurrenz hat den HSV weiter unter Druck gesetzt, ein Sieg heute gegen Hannover ist Pflicht, um im Abstiegskampf nicht frühzeitig den Anschluss zu verlieren. Alles oder nichts? Nein, Trainer Bernd Hollerbach hat einen anderen Plan: „Wir müssen auf der Hut sein. Wir wollen vor heimischen Publikum natürlich mutig nach vorn spielen, müssen gleichzeitig aber auch aufpassen. Das letzte Heimspiel gegen Köln muss uns eine Lehre sein. Wir dürfen nicht ins offene Messer laufen, sondern müssen wie zuletzt in Leipzig eine gute Balance aus Defensive und Offensive finden.“

Unter Markus Gisdol hatte er seinen Platz in der Startelf zuletzt sich, doch bei Bernd Hollerbach muss sich Sturm-Juwel Fiete Atp zunächst einmal hinten anstellen. Der 18-Jährige wird gegen Hannover wie schon zuletzt in Leipzig (1:1) auf der Ersatzbank sitzen. Dabei hat er seine hartnäckige Grippe auskuriert. „Fiete ist wieder der Alte“, hatte Hollerbach versichert. Doch den Vorzug erhält dennoch Bobby Wood.

Mit Bernd Hollerbach und André Breitenreiter treffen heute zwei frühere Kollegen in anderer Funktion als Gegner aufeinander. Hannovers Coach freut sich auf das Wiedersehen, richtet den Fokus aber auf das Duell: „Der HSV ist in einer großen Drucksituation, hat aber nach dem Trainerwechsel mit dem 1:1 in Leipzig schon ein Ausrufezeichen gesetzt“, bekräftigte Breitenreiter. „Wir müssen von Anfang an dagegenhalten und kühlen Kopf bewahren.“ An Hollerbach erinnert er sich gern zurück: „Spieler wie ‚Holler‘ vergisst man nicht. Er war eine Stimmungskanone, und auf ihn war immer Verlass.“ Der 96-Coach räumte aber ein, dass er aufgrund der rustikalen Spielweise Hollerbachs „immer froh war, mit ihm in einer Mannschaft zu spielen und ihn nicht als Gegner zu haben.“ Heute ist das andersherum. „Der HSV wird Gas geben, so wie ‚Holler‘ es früher auch immer gemacht hat“, prophezeite Breitenreiter.