- 05.05.2020

0:3 in Frankfurt! Der HSV-Abstieg ist kaum noch zu verhindern


Betrübte Gesichter nach der Niederlage in Frankfurt. Der Klassenerhalt ist (fast) nicht mehr möglich. (Foto: Witters)

Dass der HSV Drama kann, ist längst nichts Neues mehr – Relegation und Last-Minute-Rettungen gab es immer wieder. Es war wohl einer der letzten Strohhalme, an die sich der Bundesliga-Dino vor zwei Jahren noch klammerte. Eigentlich schon längst totgesagt, kämpfte sich die Mannschaft unter dem neuen Trainer Christian Titz zurück in Schlagdistanz. Nach zwei Siegen in Folge wollte der HSV endlich den Sprung auf den Relegationsplatz schaffen.

Der HSV steht am Abgrund an diesem 5. Mai 2018. Mit zwei Siegen im Rücken fährt die Mannschaft von Trainer Christian Titz in die Commerzbank Arena. Bei Eintracht Frankfurt nimmt Ex-HSVer Niko Kovac für sein letztes Heimspiel auf der Bank Platz, im Sommer wechselt er nach langem Hin und Her zum FC Bayern.

Ein anderer Ex-Hamburger leitet derweil die Geschicke beim VfL Wolfsburg: Bruno Labbadia, der einst den HSV rettete, hat die Tür für den Klassenerhalt wieder ein Stück aufgestoßen, als sich seine Wölfe in der Vorwoche vom HSV überlaufen ließen (3:1). Jetzt steht Labbadia im Fernduell im Fokus. Seine Wolfsburger Mannschaft will bei RB Leipzig den Relegationsplatz verteidigen – zwei Punkte Vorsprung haben sie auf die Hamburger. Der Abstieg des HSV könnte schon heute beschlossene Sache werden.

Der Start ins Spiel verläuft schleppend. Beide Mannschaften unternehmen nur vorsichtige Versuche, Nadelstiche zu setzen. Nach 25 Minuten zappelt der Ball dann aber zu ersten Mal im Netz – pure Ekstase im Gästeblock des HSV! Es hätte die rettende Minute der Hamburger werden können. Nach Zuspiel von Aaron Hunt taucht Tatsuya Ito im Strafraum auf und überwindet Lukas Hradecky im Frankfurter Tor. Nur wenige Sekunden zuvor huscht die Meldung der Leipziger Führung gegen Wolfsburg über die Stadionanzeige. Das Unmögliche scheint auf einmal wieder möglich, selbst Freiburg liegt zurück. In der Blitztabelle liegt der HSV also wieder auf Rang 16 und nur noch zwei Punkte hinter dem rettenden Ufer. Während Fans und Spieler noch jubelen, greift sich Schiri Deniz Aytekin ans Ohr und erfährt, dass Ito minimal im Abseits stand. Die Freude schlägt in Frust um.

Während die in Blau spielenden Hamburger noch mit dem VAR hadern, klingelt es auf der Gegenseite. Marius Wolf taucht völlig frei vor Julian Pollersbeck auf und schiebt die Kugel durch die Beine des HSV-Schlussmanns (31.). Dieser verhindert vor der Halbzeit sogar noch einen höheren Rückstand gegen Omar Mascarell (36.). Angeknockt taumelt der HSV in die Pause. Vorjahresheld Luca Waldschmidt und der schnelle Filip Kostic sollen nach Wiederbeginn für die Wende sorgen. Zwar kann der HSV das Spiel unter Kontrolle bringen, doch echte Chancen sind Mangelware.

Schließlich ist es Douglas Santos, der sich ein Herz nimmt und einen abgewehrten Eckball aus 30 Metern Torentfernung in Richtung Hradecky abfeuert. Der Finne kann das Leder mit den Fingerspitzen gerade noch so an den Pfosten lenken. Lewis Holtby steht richtig und nickt den Abpraller ins leere Tor (70.). Ausgleich – oder doch nicht? Die Fahne des Assistenten ist oben. Auch ohne VAR ist die Abseitsstellung deutlich zu erkennen. Und erneut fällt der Treffer dafür wenige Minuten später auf der Gegenseite. Jetro Willems scheitert noch freistehend an Pollersbeck, bei dem abgefälschten Schuss von Mascarell ist der Keeper machtlos (77.).

Gute Nachrichten gibt es nur von den anderen Plätzen: Wolfsburg gerät mit 1:4 in Leipzig unter die Räder und Freiburg verliert mit 1:3 gegen Gladbach, doch um Freiburg noch einzuholen, muss der HSV gewinnen. Dafür wechselt Titz ein letztes Mal. Der langzeitverletzte Nicolai Müller gibt sein Comeback, ein kleiner Lichtblick in diesem sonst so eher trüben Spiel aus HSV-Sicht.

Allerdings ist es ein anderer Joker, der sticht. Frankfurt-Legende und Ex-HSVer Alex Meier trifft in der Nachspielzeit zum 3:0-Endstand. Der Todesstoß für den HSV. Das Einzige, was jetzt noch drin ist, ist der Relegationsplatz. Dafür muss aber der bereits abgestiegene 1. FC Köln am letzten Spieltag gegen Wolfsburg gewinnen und der HSV gegen Gladbach einen Dreier einfahren. Der Klassenerhalt ist unwahrscheinlicher denn je.

„Wir hatten Glück, dass unser Konkurrent auch verloren hat“, erklärt Titz niedergeschlagen nach Abpfiff. „Ich traue meiner Mannschaft zu, dass sie Gladbach schlägt. Dann schauen wir mal, was im anderen Stadion passiert“, übt sich der Coach im Zweckoptimismus. Auch Rückkehrer Müller setzt seine Hoffnungen auf Köln, hat aber noch etwas anderes auf dem Herzen: „Manche Schiedsrichter lassen so knappe Szenen laufen, manche nicht, das ist bitter“, echauffiert sich der Stürmer über das nicht gegebene Tor von Ito. Die MOPO titelt am nächsten Tag: Noch ist es nicht vorbei!

Tatsächlich geling dem HSV am letzten Spieltag gegen Gladbach ein 2:1-Sieg. Der zwischenzeitliche Ausgleich des FC in Wolfsburg gibt der HSV-Hoffnung neue Nahrung, doch am Ende setzt sich Bruno Labbadia mit den Wölfen souverän mit 4:1 durch. Wolfsburg rettet sich danach über die Relegation – und der HSV muss den steinigen Weg in die 2. Liga antreten. (mab)

Aufstellung HSV: Julian Pollersbeck – Gotoku Sakai (80. Nicolai Müller), Kyriakos Papadopoulos, Gideon Jung, Douglas Santos – Matti Steinmann, Albin Ekdal (46. Filip Kostic), Aaron Hunt, Lewis Holtby, Tatsuya Ito (46. Luca Waldschmidt) – Bobby Wood